Der Geschmack der Heimat

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Im Laden von Adam und Maria Puchalski in Barkenberg gibt es Spezialitäten aus Russland und Polen

Wulfen.  Es gibt nichts, was es hier nicht gibt: Toilettenpapier und Getränkekisten stapeln sich ganz hinten an der Wand, vorne rechts gibt’s Tabak und Lottoscheine, die Post ist auch da, dazu Schreibhefte und Stifte für Schüler, Geschenkpapier und sogar Seidenblumengestecke. Zwischendrin lange Regale mit haltbaren Lebensmitteln, Tiefgekühltes und große Kühlschränke für Molkereiprodukte.

So sehr die Schlecker-Pleite für die vielen entlassenen Mitarbeiterinnen auch eine Katastrophe war, für Adam und Maria Puchalski war sie ein Glücksfall. Konnten das aus Polen stammende Ehepaar doch den leeren Schlecker-Laden am Handwerkshof in Barkenberg übernehmen und sich von 55 auf über 300 qm vergrößern. Für die vielen Barkenberger mit polnischen oder russischen Wurzeln war’s auch ein Glücksfall, denn das Sortiment an Lebensmittel aus ihrer früheren Heimat hat sich stark vergrößert.

Der geborene Geschäftsmann

Adam Puchalski ist der geborene Geschäftsmann. Freundlich und zuvorkommend hat er die Augen überall, sieht die Frau im Rollstuhl vor der Ladentür stehen und bemerkt selbst bei den schönsten Erzählungen den suchenden Blick der älteren Dame am Lebensmittelregal.

Der Laden brummt, keine Frage. Viele ältere Kunden kommen und Menschen, die aus Polen oder Russland eingewandert sind und gerne noch einmal den Geschmack von „Smalec“ (Schmalz) oder „Halva“, eine süße Spezialität aus Osteuropa, auf der Zunge spüren mögen. „Es ist viel Nostalgie dabei“, meint Puchalski, „da kommen die Gedanken an die Heimat hoch“. Es gibt Großhändler in Deutschland, die diese Nostalgie bedienen und das ganze Sortiment an haltbaren Lebensmitteln und landestypischen Spezialitäten anbieten und dazu noch Waren, die zwar polnisch aussehen, aber von deutschen Herstellern stammen. Sogar Drogerieartikel mit polnischem oder russischem Aufdruck stehen im Regal.

Die Puchalskis decken den täglichen Bedarf im Herzen von Barkenberg ab, sogar Schlüssel kann man machen lassen und VRR-Fahrscheine kaufen. Ein bisschen fuchst es sie deshalb, wenn behauptet wird, in diesem Teil von Barkenberg sei die Nahversorgung nicht gesichert.

Es stimmt allerdings, dass sich nur selten deutsche Kunden in den Laden verirren. Als Konkurrenz sieht Adam Puchalski den geplanten DORV-Laden gegenüber deshalb nicht. Er hofft eher auf eine Belebung des Geschäftes, die dann vielleicht auch dem türkischen Gemüse-Händler zu gute käme, der im Mai im früheren Ladenlokal der Puchalskis mit seinem Angebot gestartet ist.

Einzelhändler ist eigentlich schon der vierte Beruf des geschäftstüchtigen 60-jährigen Adam Puchalski. Er stammt aus dem alten Bezirk Warschau und hat dort Telekom-Techniker gelernt. Nach Deutschland ist er 1980 als „Mitläufer“ gekommen, wie er erzählt.

Verwandtschaft wohnte in Marl

Seine Frau Maria, mit der er seit 1977 verheiratet ist, hatte fast ihre ganze Verwandtschaft in Marl wohnen und wollte zu ihnen. In Marl sind dann auch die Puchalskis nach Aufenthalt in mehreren Lagern und achtmonatigem Deutschkurs in Dortmund gelandet. In Marl fand er als Elektriker Arbeit auf der Zeche, konnte aber nach einem schweren Unfall nicht mehr zurück in den Betrieb. Von 1986 bis 1991 war das Ehepaar dann Pizzabäcker und Imbissbudenbesitzer in Marl, entdeckten dann in der Zeitung eine Anzeige für ein Ladenlokal in Barkenberg: „Wir kannten Wulfen bis dahin gar nicht.“ Mit den damals noch kleinen Töchtern zog die ganze Familie hierher, verließ das kleine Zechenhäuschen in Marl. Bis heute wohnen die Eheleute in Barkenberg, eine der Töchter hat inzwischen mit Mann und Kind in das Marler Häuschen übernommen.

Zwar haben Adam und Maria Puchalski vor vier Jahren auch wieder für längere Zeit in Polen gelebt, um sich um seine alte, kranke Mutter zu kümmern, die zuvor auch immer mal wieder bei ihnen gelebt hatte. Ehefrau Maria - „Sie ist die Chefin“ - ging schon früher zurück, um sich wieder ums Geschäft zu kümmern; er kehrte nach dem Tod der Mutter zurück nach Barkenberg.

Schwiegersohn übernimmt einmal

Ihren Lebensabend wollen die Puchalskis auf jeden Fall in Barkenberg verbringen. In ihrem Laden arbeitet inzwischen schon die nächste Generation mit. Schwiegersohn Stefan Zahn ist seit einiger Zeit hier beschäftigt und soll das Geschäft später auch einmal übernehmen. Die Tochter ist Friseurmeisterin in Marl. Vier Angestellte haben Arbeit im Barkenberger Geschäft, darunter auch eine Russin, was den Kontakt zu den die vielen russischen Kunden vereinfacht.

Und da kommen schon wieder zwei ältere Damen, sie fragen nach dem eingelegten Gemüse mit dem grünen Deckel. „Haben Sie doch gestern schon gekauft“, erinnert Puchalski. „Is’ für den Dieter“, erklärt die eine. Man kennt sich eben und manche schon seit über 20 Jahren.

 
 

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