Der Fall Troy Davis - Justiz, die über Leichen geht

Britta Bingmann
Im Fall Troy Davis, der in der Nacht zu Donnerstag durch die Giftspritze hingerichtet wurde, geht es längst nicht mehr um Schuld oder Unschuld. Es geht um eine Justiz, die über Leichen geht.

Essen. Troy Davis ist hingerichtet worden. Ob er den Polizisten Mark MacPhail wirklich erschossen hat, wird vielleicht nie geklärt werden. Zweifel gibt es, viele Ungereimtheiten. Doch bei aller Empörung über das vollstreckte Todesurteil geht es längst nicht mehr um Schuld oder Unschuld. Es geht um ein System, das sich über Kritik ohne Begründung hinwegsetzt. Um eine Justiz, die über Leichen geht. Denn selbst den amerikanischen Befürwortern der Todesstrafe scheint zu dämmern: Über ein Menschenleben kann man nicht mit einer 3:2-Mehrheit entscheiden.

Der Davis-Prozess offenbart die Schwächen der US-Justiz in besonders tragischer Form: Trotz eines eklatanten Mangels an Beweisen hält das Gericht an der Höchststrafe fest. „Im Zweifel für den Angeklagten“: In diesem Zusammenhang ist dies mehr als ein Rechtsgrundsatz, es ist ein Reflex menschlichen Fühlens. Das zeigt das Umdenken, das der Fall selbst bei vielen Befürwortern der Todesstrafe ausgelöst hat. Doch ausgerechnet in diesem höchst umstrittenen Fall setzt die Justiz die Höchststrafe per Mehrheits-Entscheidung um. Eine Strafe, die – und das ist ja das fatale– unumkehrbar ist. Das ist eine Entscheidung, die menschlich wie juristisch nicht nachvollziehbar ist.

Troy Davis konnte bis zum Schluss hoffen. Schließlich er hat doch endgültig verloren. Wenn sein Tod nun noch zu etwas gut sein kann, dann dazu, den Disput über die Todesstrafe in den USA weiter voranzutreiben. Denn dies macht sein Fall leider ganz besonders deutlich: Sie gehört abgeschafft.