Der Fall Guttenberg - fünf Fragen zur Doktorarbeit

Bundesverteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg (CSU). Foto: dapd
Bundesverteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg (CSU). Foto: dapd
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Berlin.. Nachdem Guttenberg bei Kanzlerin Merkel zum Rapport antreten musste, ist klar: Die „Schummelgate“-Affäre wird in der Regierung als ernste Beeinträchtigung empfunden. Wer profitiert davon - und könnte Guttenberg Minister bleiben?

Angela Merkel war es ganz offensichtlich leid. Am Donnerstagabend bestellte sie den gerade eben aus Afghanistan zurückgekehrten Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg zum Rapport ins Kanzleramt. Hat sie ihm die Leviten gelesen? Hat er, ähnlich wie im Mai 2009 bei Opel, seinen Rücktritt angeboten? Über das Gespräch wurde Stillschweigen vereinbart. Klar ist, die „Schummelgate“-Affäre des CSU-Publikumslieblings wird in der Regierung nicht mehr als Kleinigkeit empfunden - sondern als ernste Beeinträchtigung. Wie die Sache ausgeht, ist offen. Ein Überblick.

Kann Minister Guttenberg aus der Zwickmühle kommen – und wenn ja, wie?

Er könnte, mit viel Glück und großen eigenen Anstrengungen: Zunächst durch ein ungeschminktes, öffentliches Bekenntnis, über Gebühr geschlampt und gegen wissenschaftliche Standards verstoßen zu haben. Motto a la Müntefering: „Abschreiben ist Mist!“ Dann durch eine umgehende, selbst bezahlte Korrektur seiner Doktorarbeit überall da, wo fremde Gedanken als die seinen erschienen sind. Durch eine persönliche Entschuldigung bei allen Urhebern, deren Rechte er verletzt hat. Dieses große „Mea Culpa“ muss schnell kommen. Auf jeden Fall schneller als die Ergebnisse der Nachprüfungen der Universität Bayreuth. Die eleganteste und zugleich radikalste Lösung wäre die: Guttenberg verzichtet auf den Doktorhut – und promoviert neu. Realisierungschancen aber gleich null.

Muss Bayreuth ihm den Doktorhut entziehen?

Nein. Die zuständigen Uni-Gremien sind in ihrer Entscheidung frei. Sie können rügen, Nachbesserungen verlangen oder die Doktorwürde zurückziehen. Allerdings ist der Abwägungsprozess schwierig geworden. Die Beweislast gegen Guttenberg ist binnen weniger Tage dank der für jeden Interessierten nachvollziehbaren Original-Plagiat-Gegenüberstellungen im Internet so groß und offenkundig, dass die Hochschule innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinde ihren Ruf verspielen würde, ließe sie Guttenberg ungeschoren davon kommen. Andererseits setzt sie sich selbst in ein bedenklich schiefes Licht, wenn sie nachträglich eine mit „summa cum laude“-Ehrenkranz benotete Arbeit plötzlich zu Altpapier erklärt. Entscheidend für den Ausgang wird sein: Kann Guttenberg neben der bereits erwiesenen Schlamperei (falsches Zitieren, Textklau etc.) eine Täuschungsabsicht nachgewiesen werden?

Wie gefährdet ist Guttenberg politisch?

In CDU und CSU vorläufig nicht sonderlich. Obwohl der 39-Jährige viele Neider auch in den eigenen Reihen besitzt, die ihm seit seinem Zickzackkurs in der Kundus-Affäre mit dezentem Argwohn und stiller Abneigung begegnen, überwiegt ein schlichtes Kosten-Nutzen-Kalkül: Guttenberg ist (noch) der Sympathiebolzen der Union schlechthin. Niemand, auch die Kanzlerin nicht, ist populärer und besitzt mehr Bindekraft ins Volk. Niemand füllt die Säle so spielend leicht. Niemandem in der politischen Klasse wird so sehr geglaubt; außer Helmut Schmidt. So ein Juwel zu „opfern“, weil er sich beim „Abpinnen“ erwischen ließ, sagt einer aus der Unionsspitze“, wäre „selbstmörderisch“. Dabei unterstellt man, dass die Mehrheit der Bevölkerung das Gewese um akademische Usancen rund um Guttenbergs Dissertation ohnehin für übertrieben und Zitiersünden für verzeihbar hält.

Wer profitiert von Guttenbergs Skandal?

Auf jeden Fall CSU-Chef Horst Seehofer. Seine Wiederwahl im Herbst dürfte gesichert sein. Der junge Konkurrent im Wartestand hat sich selbst aus dem Rennen um die Parteispitze genommen; jedenfalls vorübergehend.

Kann Guttenberg Minister bleiben, wenn ihm der Doktortitel aberkannt werden sollte?

Sehr schwierig, aber nicht völlig unmöglich. Es käme - siehe oben - zunächst auf die Qualität der praktizierten Reue an. Öffentlicher Seelenstriptease ist aber nicht Guttenbergs Ding. Er müsste sich zudem auf längere Zeit in Demut und Bescheidenheit üben, was entschieden gegen sein Naturell ist. Seine bisher fast tadellose Reputation wäre trotzdem auf ewig beschädigt. Die Opposition und viele Medien würden diese Wunde niemals verheilen lassen. Bei der kleinsten Fehlleistung würde ihm die Schummel-Affäre aufs Butterbrot geschmiert. Im Zuge der Bundesreform, mit der die Aufgabe von Dutzenden Standorten in ganz Deutschland verbunden ist, könnte ein derart vorbelasteter Minister kaum mehr glaubhaft machen, unabhängig zu entscheiden.

Was, wenn sich im Nachhinein herausstellen sollte, dass der viel beschäftigte Politiker Guttenberg 2006 seine Doktorarbeit mit Hilfe eines „Ghostwriters“ zusammenschustern ließ?

Dann wäre der sofortige Rücktritt unvermeidbar. Guttenberg hätte gelogen. Er hat mehrfach beteuert, keine Mitarbeiter für die Dissertation in Anspruch genommen zu haben.

 
 

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