Der Berliner Herbst als poetisches Stadtporträt

Berlin (dapd). Ganz klar, Berlin ist männlich. Oder Lesbisch. So ganz sicher ist sich Schauspielerin Alexandra Kamp bei der Antwort auf eine entsprechende Frage von Victor Schefé dann doch nicht. Für ihre Kollegin Suzanne von Borsody hingegen steht fest: Berlin ist eindeutig ein Zwitter.

Für Chantal, Partyveranstalterin und Gastgeberin des "House of Shame", ist die Stadt ganz schlicht "polymorph-pervers". Es sind so simple wie ungewöhnliche Fragen wie jene nach Berlins sexueller Identität, die Victor Schefé für seinen Regiedebüt Freunden, Kollegen wie auch Passanten auf der Straße stellte.

Den ganzen November des Jahres 2009 war der Bühnen- und Filmschauspieler zusammen mit Kamerafrau Anna Pesavento durch die Stadt gezogen, um Auskünfte über Berliner Lieblingsorte und -worte sowie Lebensgeschichten und Momentaufnahmen einzufangen.

Über ein Jahr saßen die beiden Filmemacher an 53 Stunden Rohmaterial, um daraus ihre poetische Liebeserklärungen an Berlin zu fertigen. Am Donnerstag (20. Oktober) wird "B.i.N. - Berlin im November" im Kino Babylon nun uraufgeführt, drei Tage später feiert der Film beim San Francisco Documentary Film Festival seine internationale Premiere.

"Ich langweile mich so schnell. Nur zu drehen oder auf der Bühne zu stehen, das ist mir auf die Dauer zu dröge", sagt der Schauspieler, der aus Serien wie "Bewegte Männer" und "Polizeiruf" bekannt ist. Und warum ist das Regiedebüt dann ausgerechnet ein Dokumentarfilm geworden? "Ich bin zu faul, um Drehbücher für einen Spielfilm zu schreiben", gibt er im dapd-Gespräch zu.

Diese Direktheit kennzeichnet auch die Gespräche, die Schefé quer durch die Stadt geführt hat und die nun zu bisweilen überraschenden Assoziationsketten montiert sind. Er besuchte die Stadtbücherei am Kottbusser Tor mit Blick auf Junkies und türkische Gemüsehändler, Katzenfreunde auf der Kleintiermesse, filmte auf einem Trödelmarkt und bei einer Tango-Party. Kamerafrau Anna Pesavento interessiert sich bei diesen Exkursionen vor allem für die kleinen, gerne übersehenen alltäglichen Details: Straßenkehrer, die sich mit dem Herbstlaub abmühen, nächtliche Leuchtreklamen oder die brutzelnden Würste auf dem Grill der berühmten Kreuzberger Imbissbude "Curry 36".

Musikerin Annette Humpe verrät im Film ihre Leibspeise: "Berliner Leber mit gebratenen Zwiebeln und Äpfel. Soll man ja nicht so oft essen, aber ein, zwei Mal im Jahr geb' ich mir das."

Offenherziger und überraschender als die Statements der Prominenten sind zumeist die zufällig eingefangenen Interviews mit Nachtschwärmern und Menschen in der U-Bahn. "Gerade die Leute, die nicht auf uns vorbereitet waren, haben irrsinnig schnell ihr Herz aufgemacht und ohne Scheu los geplappert", stellt Schefé fest. "Vielleicht lag es daran, dass wir das kleinste Team der Welt waren oder dass die Leute mich kannten und womöglich mochten".

Das Gesicht des gebürtigen Rostockers könnte bis Ende November in ganz Europa bekannt sein. Dann nämlich wird die erste Staffel der internationalen TV-Produktion "Borgia" in den ersten von über 40 Ländern gesendet sein. Schefé spielt in diesem Historiendrama über den Aufstieg einer spanischen Adelsfamilie in der Renaissance, das seit Anfang der Woche im ZDF ausgestrahlt wird, einen päpstlichen Zeremonienmeister.

dapd

 
 

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