Den Lebenslauf zu schönen, ist an der Tagesordnung

Berlin..  „Wir lügen im Schnitt 200-mal am Tag“, sagt der Psychologe Jürgen Hesse, der gemeinsam mit Hans Christian Schrader zahlreiche Bewerbungsratgeber geschrieben hat. Und auch bei Lebensläufen seien Lügen schlichtweg an der Tagesordnung. „In den letzten zehn bis 15 Jahren hat eine Inflation stattgefunden“, glaubt Hesse. „Jeder Mittelständler stellt sich als Global Player dar. Jeder sucht die perfekten Mitarbeiter für seine Firma.“ Dass sich auch Bewerber bestmöglich darstellen wollen und müssen, sei da verständlich. „Auf dem Markt der Eitelkeiten gehört das zum Spiel dazu.“

Es ginge dabei aber oft eher um Übertreibungen. „Da wird dann aus guten Englischkenntnissen verhandlungssicheres Englisch“, sagt Hesse. An manchen Stellen sieht er „Notlügen“ als völlig legitim an: „Wenn etwa eine Frau für ein Jahr aufgrund einer Brustkrebsbehandlung aus dem Job raus war, geht der Grund für die Auszeit keinen zukünftigen Arbeitgeber etwas an.“

Personalmanagerin rät: „Mit Lücken offensiv umgehen“

Der Arbeitgeber könne sonst daraus schließen, dass die Bewerberin nach der Krankheit weniger belastbar ist oder Bedenken haben, dass der Krebs zurückkommt. „Dann kann man besser behaupten, man hat seine kranke Mutter gepflegt.“ Der Fall Petra Hinz sei aber natürlich von einem ganz anderen Ausmaß und nicht zu entschuldigen.

Auch Christa Stienen weiß, dass Bewerber hier und da Dinge beschönigen. Sie ist Vizepräsidentin des Bundesverbands für Personalmanager (BPM). Bei krankheitsbedingten Lücken im Lebenslauf freue sie sich zwar über Offenheit, verstehe aber jeden, der die Krankheit verschweigt. „Allgemein finde ich es aber am besten, wenn Bewerber mit Lücken im Lebenslauf offensiv umgehen“, sagt Stienen.

Einen Fall wie der von Petra Hinz kann sie sich in der freien Wirtschaft hingegen kaum vorstellen. „Wir überprüfen die Angaben, indem wir uns beispielsweise Referenzen bei vorherigen Arbeitgebern besorgen.“ Stienen kann nicht verstehen, dass in der politischen Karriere von Petra Hinz an keiner Stelle genauer hingesehen wurde. „Wieso fiel es nie auf?“

 
 

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