David Larible: Ansichten eines Clowns

Keine Frage: David Larible, geboren im italienischen Verona und Artist in der siebten Generation, ist einer der größten seiner Zunft.

In den USA war er 13 Jahre lang die Hauptattraktion beim Drei-Manegen-Zirkus „Ringling Bros. And Barnum & Bailey“, wo er vor bis zu 18 000 Besuchern auftrat. Frank Grieger traf den Spaßmacher, der beim Spektakel „Clowns in Concert“ im Dortmunder Konzerthaus und als Star des Circus Roncalli bald auch bei uns zu sehen sein wird.

Signore Larible, wissen Sie noch, wann Sie zum letzten Mal geweint haben?

Larible: Oh ja, natürlich. Das war zu Silvester. Ich habe an meine Mutter gedacht, die vor vier Jahren gestorben ist – und an andere liebe Menschen, die nicht mehr bei mir sind. Nein, Weihnachten und Silvester sind für mich keine lustigen Tage. Aber meine Familie und meine Freunde wissen, dass sie mich an diesen Tagen besser in Ruhe lassen.

Und wann haben Sie das letzte Mal herzhaft gelacht?

Larible: Heute morgen, als mein zehnjähriger Sohn etwas Lustiges auf Italienisch gesagt hat – das kann man, glaube ich, nicht übersetzen. Ich lache jeden Tag! (lacht) Denn wenn du liebst, was du machst, dann ist jeder Tag ein Vergnügen. Die Geräusche des Publikums, wenn du die Manege betrittst – für mich ist das wie Musik.

Man sagt, die meisten Clowns seien im Grunde ihres Herzens traurige Menschen.

Larible: Ach, das ist eine Legende – die vielleicht auf die Oper „Der Bajazzo“ von Leoncavallo zurückgeht (singt voller Pathos ein paar Takte). Vielleicht ist es romantisch zu denken, dass dieser Mann mit seiner Schminke und Maskerade ein tragischer Charakter ist. Aber alle Clowns, die ich kennen gelernt habe, sind ganz normale Menschen. Lustige Leute. Wie kannst du auch lachen und Vergnügen in die Manege bringen, wenn du selber traurig bist?

Ein guter Schauspieler kann das.

Larible: Ha! Clowns sind doch keine Schauspieler!

Was denn dann?

Larible: Ein Schauspieler spielt jemand anderen. Ein Clown spielt sich selbst. Wir spielen keine Rolle: Wir sind die Rolle. Wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Ein Mensch, zwei verschiedene Gesichter.

Wie lange stehen Sie schon in der Manege?

Larible: Oh… Den ersten professionellen Auftritt hatte ich mit 15.

Das sind 35 Jahre. In dieser Zeit hat sich im Zirkus sicher vieles geändert?

Larible: Nun, schon so einiges. An die aufwändige Lightshow und Verstärkeranlage von heute war nicht zu denken. Aber der Spirit des Zirkus ist noch da. So lange es Leute gibt, die unterhalten werden wollen, und andere, denen das Freude macht, wird sich das auch nicht ändern.

Mir scheint, dass noch nie so viele Zirkusse gestorben sind wie heute.

Larible: Natürlich, die Konkurrenz ist stärker denn je. Sehen Sie: Vor 35 Jahren gab es in Italien nur einen Fernsehsender…

RAI uno.

Larible: Nix uno! Einfach RAI. Ein Sender, ein paar Stunden Programm täglich. Als der Zirkus gekommen ist – und in Deutschland war das sicher genauso – dann war das etwas ganz Besonderes. Aber jetzt? 120 Kanäle oder mehr, das Internet, Videospiele, wo die Leute auf ihrem Computer von einem Kontinent zum anderen fliegen. Es wird immer schwerer, Menschen zu begeistern.

Sie sind in Amerika bei „Ringling Bros.“ aufgetreten – das ist einer der größten der Welt…

Larible: Der größte und berühmteste: „The greatest show on earth“.

Dort sind Sie nicht in einem Zelt, sondern in Hallen aufgetreten?

Larible: Ja, zum Beispiel im Madison Square Garden vor 18 000 Leuten. Ganz allein in der Manege.

Wie schafft man es, eine solche Menge in den Griff zu kriegen?

Larible: Fragen Sie mich nicht! Ich habe überhaupt keine Ahnung! Für meinen Geschmack ist weniger Publikum reizvoller. Weil man einen direkteren Kontakt hat. Aber der Sound von 18 000 Leuten, das Lachen und Klatschen, ist wirklich reizvoll.

Sie beziehen häufig Leute aus dem Publikum in Ihre Show ein – als Operndarsteller, One-Man-Band und dergleichen mehr…

Larible: Normalerweise haben Clowns Partner: Der Weißclown, der dem dummen August die Anweisungen gibt, und so. Aber ich bin ja ein Solo-Clown. Mein Partner ist das Publikum.

Erkennen Sie auf Anhieb, wer in der Manege oder auf der Bühne eine gute Figur macht?

Larible: Früher habe ich mir Leute ausgeguckt. Aber dann habe ich verstanden: Jeder kann gut, und jeder kann schlecht sein. Nur wenn jemand gar nicht möchte, dann merke ich das sofort. Ich will ja niemanden vorführen.

Schadenfreude ist nicht Ihr Ding, oder? Die ist bei manchen Clowns ja durchaus verbereitet…

Larible: Nein, nicht mein Stil. Ich glaube, meine Comedy ist sehr süß, sehr fein, niemals aggressiv. Und wenn Clowns in Ihrer kleinen Welt eines bewirken können, dann ist es, dass Menschen sich nicht ganz so ernst und wichtig nehmen.

Wieviele Instrumente können Sie spielen?

Larible (zählt an den Fingern ab): Mmhh – Trompete, das ist mein Hauptinstrument. Dann Jagdhorn, Flöte, Concertina, Mundharmonika, Schlagzeug, Gitarre – und Okarina, das ist so eine kleine italienische Flöte. Schwer zu spielen. Als mein Vater, Eugenio, merkte, dass ich Clown werden wollte, hat er mich in alle möglichen Schulen geschickt. Musikschule, auch Ballettschule – ich habe vier Jahre lang klassisches Ballett gemacht. Er hat etwas sehr Intelligentes gesagt: David, ein Clown muss lustig sein – aber er braucht auch Harmonie in seinen Bewegungen. Er hat Recht gehabt, wie immer.

Sie sind Artist in der siebten Generation – für Nachwuchs ist gesorgt?

Larible: Oh ja! Zum Glück sind meine Frau und meine beiden Kinder immer um mich. Mein Sohn ist zehn und schon ein guter Jongleur. Und meine Tochter ist 18 und macht eine Strapaten-Nummer.

Äh – das ist ein Vertikalseil?

Larible: Nein, zwei Gurte, die man um die Arme wickelt und dann Artistik daran macht.

Haben Sie jemals bereut, Clown geworden zu sein – statt vielleicht Bankangestellter oder Börsenmakler?

Larible: Niemals! Ich war immer davon fasziniert. Da war immer diese „desire“, wie sagt man...

Verlangen…

Larible: Ja, schon in der Schule habe ich es geliebt, der Klassenclown zu sein. Manchmal hat mich der Lehrer rausgeworfen – und dabei selber Tränen gelacht.

Was war der größte Moment in Ihrer Karriere?

Larible: Oh, da waren schon viele unglaubliche Augenblicke. Beim ersten Auftritt im Madison Square Garden zum Beispiel. Oder, das war glaube ich 1995, als mich Jerry Lewis gebeten hat, mit ihm eine Nummer zu machen: Wir sind zusammen in seiner Show aufgetreten. Aber der Moment, der in meinem Gedächtnis geblieben ist, war das Circusfestival 1999 in Monte Carlo.

Als Sie den Goldenen Clown gewonnen haben, sozusagen den Oscar Ihrer Zunft.

Larible: Das war für mich gar nicht so wichtig. Auch nicht, dass ich fünf Minuten lang Standing Ovations bekommen habe, was es dort noch nicht gegeben hatte. Nein, für mich war viel bedeutender, meinen Vater und meine Mutter zu sehen, die beide vor Rührung geweint haben. Ich habe das so empfunden: Ich kann euch jetzt ein bisschen von all dem zurückgeben, das ihr mir gegeben habt.

Sie hatten 2001 auch eine Gastrolle in der Gaunerkomödie „Ocean’s Eleven“.

Larible: Stimmt, aber das waren nur fünf oder sechs Sekunden. Da war eine kleine Szene in einem Zirkus, weil sie einen kleinen Akrobaten als Dieb brauchten. Und der Regisseur Steven Soderbergh sagte: Okay, wir haben nicht so viel Zeit, also brauche ich jemanden, bei dessen Gesicht die Leute sofort erkennen: Aha, wir sind im Zirkus. Na ja, das war nichts Bedeutendes. Aber ich habe was, was ich mal meinen Enkeln zeigen kann!

Haben Sie die ganzen Stars kennen gelernt? George Clooney und Brad Pitt?

Larible: Ja, schon. Aber George, als Produzent, hatte nicht viel Zeit. Mit Brad Pitt habe ich ein bisschen Freundschaft geschlossen. Das ist ein sehr, sehr netter Kerl.

Können Sie verstehen, warum manche Menschen Angst vor Clowns haben? Es gibt sogar einen Fachbegriff dafür – Coulrophobie.

Larible: Ja., klar! Andere haben Angst vor engen Räumen oder Spinnen. Das sind ja oft Leute mit einer großen Nase und viel Schminke. Manche sehen aus wie Alienes. Das kann doch beängstigend sein. Und diese Stephen-King-Filme! Der Mörder ist immer geschminkt wie ein Clown! Aber ich habe es manchmal erlebt, dass Leute nach der Show zu mir gekommen sind und gesagt haben: Herr Larible, ich habe eigentlich Angst vor Clowns. Aber bei Ihnen habe ich meine Furcht vergessen: Weil Sie so menschlich sind.

 
 

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