„Das Medium“ - 60 Minuten Dauerfrechheit bei RTL

Mit dem verstorbenen Politiker Uwe Barschel (Foto) wollte „Das Medium“ bei RTL Kontakt aufnehmen.
Mit dem verstorbenen Politiker Uwe Barschel (Foto) wollte „Das Medium“ bei RTL Kontakt aufnehmen.

Essen. Einen Tag vor Allerheiligen schickte RTL „Das Medium“ los, um mit den Toten zu sprechen. Heraus kam eine 60minütige Dauerfrechheit, die in den Bereichen Zynismus und Abgezocktheit neue Standards setzte.

Bis vor kurzem gab es einen Deal im Privatfernsehen: Die Betrüger der ganz plumpen Sorte gehen erst nach Mitternacht auf Sendung. Dann sitzen nur noch die Einsamen vor der Kiste – diejenigen, die die Nummern der „heißen Girls“, Hütchenspieler und Esoterikfreaks schon deshalb wählen, um überhaupt mit jemandem zu sprechen. Es ist eine Zielgruppe, die sich in der Regel nicht beschwert.

Mit „Das Medium“ bricht RTL diesen Deal. Das könnte man vielleicht verschmerzen, wenn es hier nur um Betrug ginge. Leider ist „Das Medium“ noch auf so vielen anderen Ebenen eklig, dass man sich als Zuschauer nach der Sendung am liebsten waschen will.

Pseudo-einfühlsame Fragen

Wenn es nicht um echte Todesfälle ginge, müsste man „Das Medium“ als Mischung aus Mystery-Serie und Schmierenkomödie bezeichnen. Drei Fälle wurden in der gestrigen Folge aufgerollt – ein ungeklärter Autounfall, ein Doppelmord auf Mallorca und schließlich der Tod des schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Barschel vor 23 Jahren. Was die Polizei nicht klären konnte, soll nun von Kim-Anne Jannes aufgedeckt werden, einer 38jährigen Schweizerin mit unklarer Qualifikation – falls man in einem nicht-existenten Wissensgebiet überhaupt Qualifikationen haben kann.

Begleitet wird Frau Jannes von Petra Neftel, einer Moderatorin, wie sie so nur das Privatfernsehen hervorbringen kann. Ihre Aufgabe ist es, pseudo-einfühlsame Fragen zu stellen („Wie haben Sie auf die Nachricht vom Tod Ihres Liebsten reagiert?“), den Kopf lauschend zur Seite zu legen und die Sendung generell mit der Art von triefender Groschenroman-Prosa zu füllen, ohne die RTL-Formate anscheinend nicht mehr auskommen. Zusammen ergibt das einen Mix aus Eitelkeit und geheucheltem Interesse, der fast noch ärgerlicher ist als die „Jenseits-Kontakte“ des angeblichen Mediums.

Apropos: Angeblich kennt Frau Jannes die Schicksale der jeweiligen Opfer nicht. So wird sie, zum Beispiel, in die Villa von Barschel-Witwe Freya geführt. Off-Kommentar (sinngemäß): „Kim-Anne Jannes weiß nicht, dass sie vor einem Prominentenhaus steht.“ Schade nur, dass genau in diesem Moment deutlich das Klingelschild im Bild ist. Schnitt auf die Moderatorin, die nun mit Freya Barschel im Wohnzimmer sitzt und ohne erkennbaren Grund nach dem Lieblingsplatz Ihres Mannes fragt. „Gleich da drüben – auf diesem Lesesessel.“ Fünf Minuten später steht das „Medium“ in der Eingangshalle und kolportiert die erste Botschaft aus dem Jenseits – „Ich sehe einen gemütlichen Sessel.“ Welch ein Zufall.

Dummdreiste Täuschungen

Man könnte die Liste der dummdreisten Täuschungen noch verlängern – bis hin zum Tiefpunkt der Sendung, in der Jannes allen Ernstes die (wirkliche) Ermordung eines kleinen Jungen in der „Todesfinca“ auf Mallorca rekonstruiert, was mehrfach mit Schussgeräuschen aus dem Off untermalt wird. Spätestens an dieser Stelle fragt man sich als Zuschauer, ob die Sendelizenz von RTL eigentlich verlängert werden sollte.

Am Ende ist das einzig Erstaunliche an dieser Sendung, wie Moderatorin und „Medium“ es schaffen, den Hinterbliebenen ins Gesicht zu schauen, ohne dabei vor Scham im Boden zu versinken. Was man schon immer ahnte, wird in „Das Medium“ bestätigt: In Sachen Abgezocktheit macht RTL keiner was vor.

 
 

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