Das Dschungelcamp hat ein Problem - es wird zu intelligent

„Dschungelcamp“ und anrüchig - das war einmal. Foto: RTL / Stefan Menne
„Dschungelcamp“ und anrüchig - das war einmal. Foto: RTL / Stefan Menne

Essen.. Früher galt das Dschungelcamp mit der unbekannten Prominenz als Schmuddel-Ecke des Fernsehens. Jetzt liebt das Feuilleton die RTL-Show „Ich bin ein Star - holt mich hier raus“. Samstag ist Finale.

Dirk Bach, der nicht dumm ist, hatte die Gefahr als erster erkannt. Das Niveau ist in Gefahr, raunte er schon früh seiner kongenialen Partnerin zu, wir werden zu intelligent für unser Stammpublikum! Sonja Zietlow verzichtete dennoch darauf, die angebotene Bierdose nach Art des Hauses mit ihrem Busen zu plätten, und machte damit endgültig den Weg frei zu einer der erstaunlichsten Mutationen der jüngeren Fernseh-Geschichte: Mit der fünften Staffel gelang „Ich bin ein Star – holt mich hier raus!“ die Flucht aus dem Ekel-Ghetto.

Nach zwei denkwürdigen Wochen werden beim Finale am Samstag (RTL, 22.15 Uhr) nicht nur Freunde des gepflegten Madenverzehrs, sondern auch die Psychologen die Wahl des Dschungelkönigs, der Dschungelkönigin, diskutieren, bestimmt auch die Soziologen, die Medienwissenschaftler! Noch unglaublicher: Erstmals geben’s alle zu.

Erstmals geben's alle zu

Dem aus einschlägigen Erfahrungen gespeisten Reflex über die Verlotterung der Sitten folgte ein Ritterschlag: Das „Dschungelcamp“ wird nicht mehr in den Klatschspalten abgefrühstückt, sondern im Feuilleton. Eine „beispielhafte Beschreibung aktueller Zu-stände und Konflikte unserer Gesellschaft“ entdeckte etwa „Spiegel-Online“ und öffnete damit offenbar die Tür für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit einem Format, das einst alle Geschmacksgrenzen unterwandert hatte.

Auch diesmal kannten wir ja eigentlich vorher keinen aus diesem traurigen Promihaufen, der die entgleiste Karriere durch den Griff in die Schlangengrube auf Spur bringen wollte, höchstens Rainer Langhans, und den auch nur durch ein Kommunarden-Klischee aus grauer Vorzeit. Nach zwei Tagen war es jedoch lebendig geworden, das grüne Panoptikum. Katy, der Kumpel, Indira, das Busenwunder, und dass die Rolle der Zicke diesmal mit Sarah perfekt besetzt wurde, war auch schnell klar. Als dann Jay den Sexprotz gab und dabei gar die gute, alte Jakobs-Sister Eva mit einem „Ich liebe diese Frau!“ einschloss, bekamen wir es dann doch ein wenig mit der Angst zu tun.

Alles wie gehabt, und doch ganz anders. Die Knallchargen vergaßen ihr Drehbuch. Enthemmt durch Nahrungsentzug und Sticheleien fiel man übereinander her. Und legte nebenbei das Programmschema bloß. Natürlich schneidet RTL aus 24 Stunden Dschungelleben die Szenen zusammen, die eine 60-minütige Zusammenfassung erst knackig machen. Selbstverständlich hat der Kandidat nicht die Spur einer Chance, sich gegen seine geplante Rolle zu wehren. Günther Kaufmann etwa wurde von der Kamera in der vierten Staffel einmal in der Hängematte beim Nickerchen erwischt und geisterte fortan für immer und ewig mit dieser Mini-Sequenz als „das Schlaftier“ durch die Sendung.

Langhans irrte tragisch

Dass Rainer Langhans sich jetzt nach seinem Ausscheiden entsetzt über seine Ablichtung zeigt und nach dem Studium der TV-Version behauptet, die Präsentation habe nun überhaupt nichts mit dem wahren Dschungel-Leben zu tun, zeigt nur, dass er offenbar nicht weiß, was so abgeht in dieser Welt. Und schon wieder tragisch irrte, als er glaubte, er könne das System besiegen.

Am Ende waren die Prüfungen, einst der einzige dramatische Höhepunkt, zur Nebensache geworden. Man verfolgte gebannt einen Psychokrieg vom Allerfeinsten. RTL hat ob der traumhaften Quoten vor Glück geweint und dabei vergessen, dass nun jeder weiß, wie stramm inszeniert diese angeblichen Reality-Shows sind. Die Folgen, etwa für „DSDS“, bleiben abzuwarten.

Zwischenzeitlich fragen wir, die Hardcore-Fans, uns weiter, ob da wirklich was läuft zwischen Jay und Indira. Oder ob Sarah nicht doch Recht hatte.

 
 

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