Chirurgie a la Bergbau auf Fürst Leopold

Der Förderturm – bisher in der Schachthalle eingemauert – bleibt als einziges Stück des „Zentralmassivs“ stehen.
Der Förderturm – bisher in der Schachthalle eingemauert – bleibt als einziges Stück des „Zentralmassivs“ stehen.
Foto: WAZ FotoPool

Hervest. Die Abrissarbeiten auf Fürst Leopold bescheren dem Gelände ein neues Wahrzeichen: Der alte Förderturm (Baujahr 1912) wird aus der Schachthalle geschält und damit als Ganzes wahrnehmbar. Bislang ragte nur ein Stummel mit den Seilscheiben aus dem Dach.

Die Schachthalle ist nur ein kleiner Teil des mächtigsten Gebäudeensembles der alten Zeche. Dieses „Zentralmassiv” wird seit sechs Wochen und noch drei weitere Monate lang dem Erdboden gleich gemacht. Langsam biegt das Großreinemachen auf dem Areal damit auf die Zielgerade.

Der Förderturm also. Hinterm Maschinenhaus, das eine Art Bergbau-Museum werden soll. 45 Meter hoch, fast hundert Jahre alt. Er allein bleibt stehen vom Zentralmassiv der Zeche aus Entstaubungsanlage, Kohleaufbereitung, Bergebunker, Sieberei und Schachthalle. Bis vor ein paar Tagen noch war er kaum zu sehen, war eingewachsen in die bis zu 54 Meter aufragenden Kolosse aus Stahl und Beton.

In dieser Woche wurde der vordere Teil der ehemals als Denkmal geschützten Schachthalle abgerissen, das Fördergerüst freigelegt. Wenn die Anlagen drumherum erstmal ganz weg sind, „dann wirkt er viel eindrucksvoller”, ist Ulrich Hirse überzeugt.

Für die RAG Montan Immobilien leitet Hirse die Abrissarbeiten. Ein paar tausend Tonnen Industriebau abzuräumen und zugleich den Turm stehen zu lassen, sei „filigrane Rückbaukunst”, sagt er. Schon die Vorbereitung war planungsintensiv. „Ein fein aufeinander abgestimmtes Teamwork aller Beteiligten -- technischer Service, Abrissfirma Freimuth, Wasserhaltung und RAG Montan Immobilien“, so Hirse. Das Fördergerüst war statischer Bestandteil der Schachthalle, musste erstmal vom Gebäude getrennt und teilweise verstärkt werden. „Das war ein richtiges Herausoperieren”, sagt Hirse. Chirurgie a la Bergbau. Mit dem Bagger.

Zwei mächtige gelbe Raupen mit bis zu 45 Meter langen Armen („Longfront”) machen die Hauptarbeit. Einer bricht Gebäudeteile heraus, einer hält die Trümmer fest und sichert. Thomas Brandt und Reiner Maschke an den Steuerknüppeln sind ein eingespieltes Team. Sie haben für das Abbruch-Unternehmen Bodo Freimuth aus Bülkau schon den DDR-Protzbau „Palast der Republik“ in Berlin zerlegt. „Aber hier in Hervest ist’s interessanter. Mehr Stahl”, lacht Brandt.

Eine Herausforderung: Unterm Förderturm ragt noch der Schacht 960 Meter tief in die Erde. Und der muss auch während der Abrissarbeiten zugänglich sein. Damit keine Trümmer in das bodenlose Loch stürzen, ist das Fördergerüst verbrettert.

In ein paar Wochen – der genaue Tage steht noch nicht fest - wird’s auf der Zeche einen gewaltigen „Rumms“ geben. Die grüne, stählerne Entstaubungsanlage wird gesprengt, vom Förderturm weg auf die neue Freifläche geworfen und am Boden zerlegt. Der Klotz ist 52 Meter hoch. Die Stahlzangen der Longfront-Bagger (knabbern Eisenträger wie Butterkeks) reichen nur 45 Meter hoch. Damit sie bis oben fassen können, müsste für sie ein Erdwall als Arbeitsbühne aufgeschüttet werden. „Die Sprengung”, sagt Ulrich Hirse, „ist schlicht wirtschaftlicher.”

Gut 7000 Tonnen Bergwerksschutt haben die Abreißen schon weggeräumt. 3500 Tonnen haben sie noch vor sich. Im ersten Jahresviertel 2011 wollen sie weitgehend fertig sein. Danach müssen noch Böden aufbereitet werden. Ein Teil der Bodensanierung wird allerdings vorgezogen: Auf dem Tempelmann-Gelände, das Handel- und Kulturzentrum werden soll.

Was der alte Förderturm vertragen könnte – so viel sieht man jetzt – wäre ein Pott frische Farbe. Hat die RAG schon einkalkuliert, lacht Ulrich Hirse. Ein Gutachten empfiehlt Rostschutz. Schließlich soll der Turm noch ein paar Jahre halten. Als neues, altes Wahrzeichen . . .

 
 

EURE FAVORITEN