BVB-Juwel Götze auf dem Weg nach oben

Daniel Berg
Das 18 Jahre alte Ausnahmetalent von Borussia Dortmund hat bereits 15 Torvorlagen in dieser Saison geliefert. Die Verantwortlichen bewachen den Youngster sorgsam. Mario Götze bringt alle Qualitäten mit, um ein ganz Großer zu werden.

Dortmund. Der Sportdirektor lächelte. Er wusste, es würde besser sein, nichts zu sagen. Er sagte sogar, dass es besser sei, nichts zu sagen, „damit der Junge seine Leichtigkeit nicht verliert“. Dann erlag er dem Gesang der Sirenen, dem schönen Spiel.

Vielleicht war es dieses eine Wort von der Leichtigkeit, das Michael Zorc plötzlich wieder an die vergangenen 90 Minuten denken ließ, an den neuerlichen Sieg von Borussia Dortmund und vor allem an den Mann, den er nun keinesfalls zu viel loben wollte, zu viel loben durfte. Aber es ging nicht. Ganz offenbar ging es nicht. Zu sehr hatte ihn das Spiel von Mario Götze verführt. Er sagte also noch, dass man dessen Fähigkeit nicht jedem immer auf die Nase binden müsse, fing dann an, ­Götzes Kessheit, seine Schnelligkeit, seinen Blick, seine Technik, ja einfach alles zu preisen und schloss mit der damals schon nicht ganz neuen Feststellung, dass der 18-Jährige ein Ausnahmetalent sei, eines, das „überragende Qualität“ aufweist.

Mario Götze war zu diesem Zeitpunkt schon wieder verschwunden. So wie er eigentlich fast immer verschwand: wortlos. So war es nach seinem ersten Bundesliga-Tor in Stuttgart, so war es nach seinem Gala-Auftritt gegen Karpaty Lwiw, als er mit den Symptomen einer Gehirnerschütterung in letzter Minute den 4:3-Siegtreffer erzielte. Sekunden vorher war er zur Behandlung an der Seitenlinie gewesen und hatte gesagt, dass er kaum noch etwas sehen könne. Das Wenige reichte.

Mario Götze, das wurde mit jeder Minute seines Spiels deutlicher, ist das größte Juwel des BVB. Die Verantwortlichen beschlossen schnell, ihn sorgsam zu bewachen. „Alle würden sich sonst auf ihn stürzen“, begründete Zorc. „Wir wollen ihn nicht mit Erwartungen überfrachten“, fügte BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke an. Sie packten ihn in Watte, umgaben ihn mit Panzerglas und aktivierten sauber austarierte Lichtschranken, die im Super-Mario-Hype Alarm schlugen, wenn ihm einer zu nahe kam: keine Interviews, keine Home-Stories, keine Fernsehauftritte. Bis auf dieses eine Mal.

Der BVB hatte eingeladen. Sein wertvollstes Schmuckstück würde einmal für alle ausgestellt werden. In einer Bar in Jerez de la Frontera, dem Ort, in dem Borussia Dortmund das Winter-Trainingslager abhielt. Und alle machten sich auf den Weg. Fernsehsender, Zeitungen, Internetportale. Scheinwerfer, Mikrofone, Diktiergeräte wucherten Mario Götze entgegen, als hätte er etwas zu verkünden, das größer ist als die Dinge, um die es im Fußball geht. Ein Junge in schwarzer Jogginghose und gelbem T-Shirt. Ein Junge, der viel lächelte, Unverbindliches redete, sich gelegentlich verlegen an der Schläfe kratzte.

Göttliche Gabe

Grotesk war das Drumherum, nicht mehr normal. Aber was ist schon normal an diesem Kerl, von dem die einen sagen, er sei „das größte Talent“, das Deutschland jemals gehabt habe, von dem die anderen sagen, er verfüge über die „göttliche Gabe“, unter Druck noch besser zu werden? Solche Superlative lasten schwer auf Schultern, zwischen denen ein so junger Kopf sitzt.

Sie können die Sinne vernebeln, das Unbekümmerte in Zögern und Zaudern verwandeln. Bei Mario Götze ist das ganz offenbar nicht der Fall. Im Gegenteil.

Erfahrene Strategen hat es gegeben, die im Nervenspiel der entscheidenden Meisterschaftsphase nicht mehr wiederzuerkennen waren, die weiche Knie und zittrige Füße bekamen. Und Götze? Drehte dann erst so richtig auf. Weil er es kann, weil ihm der Ball so außerordentlich gehorcht, weil er sein Freund ist. Als der BVB im Heimspiel gegen Hannover zurücklag und seinen Vorsprung auf Leverkusen zu verspielen drohte, tanzte „Götzinho“, wie ihn die Kollegen manchmal rufen, durch fünf Abwehrspieler hindurch zum Ausgleich. Ein Solo, das die Wende brachte. Ein Solo, das von Lionel Messi, dem argentinischen Weltfußballer, hätte sein können.

15 Vorlagen in der Saison

Zwei Wochen später gegen Freiburg führte er die Mannschaft mit einem Tor und einer Vorlage zum 3:0. Weil Leverkusen in München verlor, war es der Tag der Vorentscheidung. Und auch jetzt, als die Entscheidung fiel, mischte Götze entscheidend mit: Sein wuchtiger Schuss wurde zur Vorlage - seiner 15. (!) in dieser Saison - für den ersten Treffer durch Lucas Barrios. „Es ist unbeschreiblich“, faselte Mario Götze nach dem Triumph: „Wir sind wie eine Familie.“

Damals, am 31. Oktober 2010, als Michael Zorc sein Lob vergeblich zu dosieren versuchte, war Mario Götze wortlos verschwunden. 2:0 hatte Borussia Dortmund beim FSV Mainz 05 gewonnen. Götze hatte das erste Tor geschossen und das zweite zauberhaft vorbereitet. Es war der Tag, an dem der BVB die Tabellenführung erklomm. Er hat sie bis zum Schluss nicht mehr hergegeben. Nicht zuletzt wegen Mario Götze, dem 18-Jährigen, dem Juwel, dessen erste Profi-Saison in den Titel mündete. Es ist sehr wahrscheinlich nicht der letzte in seiner Karriere.