Blitzmarathon wirkt nach - aber nicht überall, zeigt erste Studie

Dagobert Ernst
Im NRW-Innenministerium sieht man den Blitzmarathon als erzieherische Maßnahme und setzt auch auf Ermahnungen. Das scheint zu wirken, zeigt jetzt die erste Studie zum Blitzmarathon.
Im NRW-Innenministerium sieht man den Blitzmarathon als erzieherische Maßnahme und setzt auch auf Ermahnungen. Das scheint zu wirken, zeigt jetzt die erste Studie zum Blitzmarathon.
Foto: Winfried Labus/WAZ FotoPool
Am Mittwochmorgen endete der jüngste Blitzmarathon in NRW. Erstmals liegt dazu eine Studie vor, erhoben beim Blitzmarathon im vergangenen Herbst. Die Datenbasis ist noch klein, aber Experten sehen trotzdem eine klare Botschaft: Der Blitzmarathon wirkt, wenn auch nicht an jeder Straße.

Essen/Köln/Aachen. Tempo 30? Auf der Stadthalterhofallee im Kölner Stadtteil Junkersdorf geben Autofahrer offenkundig gerne Gas. 50 und mehr Stundenkilometer auf dem Tacho sind dort deutlich üblicher, als dass die Zeiger bei "30" stehen bleiben. Und das an einer Schule. Am 10. Oktober vergangenen Jahres war das plötzlich auffallend anders. Der Grund hieß Blitzmarathon. Der zeigte an der Stadthalterhofallee auch noch zehn Tage nach den Messungen Wirkung, wie nun die erste Studie zum Blitzmarathon belegt. Nicht nur dort.

An diesem Mittwoch endete der inzwischen sechste Blitzmarathon in NRW.Erneut nach dem Start im Frühjahr 2012 standen 24 Stunden Tempokontrollen im Fokus von Polizei und Kommunen. Landesweit. Erstmals liegen dazu nun auch wissenschaftliche Erkenntnisse vor.

Studie kontrollierte Verkehr auch noch zehn Tage nach Blitzmarathon

Es ist eine noch sehr kleine Studie, die Masterarbeit einer spanischen Studentin am Institut für Straßenwesen der RWTH Aachen. Insgesamt wurde dafür beim vergangenen Blitzmarathon im Oktober 2013 das Fahrverhalten an vier verschiedenen Mess-Stellen in Köln und Leverkusen begleitend beobachtet - vor, während und nach dem Blitzmarathon, mit eigenen Messgeräten und über insgesamt knapp drei Wochen. Geblitzt wurde dabei niemand. Statt dessen waren "Seitenradargeräte" des Uni-Instituts an Masten geschraubt worden, die nur Tempo, Fahrzeuglänge und die Uhrzeit festhielten.

An diesem Montag präsentiert NRW-Innenminister Ralf Jäger in Köln erste Ergebnisse. Fertig ist die Masterarbeit noch nicht. Aber "die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Studie war enorm", sagt RWTH-Verkehrsforscher Dirk Kemper. Am Institut war man deshalb bemüht, "den Druck von der Studentin zu nehmen" und parallel zu ihr erste Daten für eine "Begleituntersuchung" auszuwerten.

Blitzmarathon wirkt auch noch Tage später nach

Am Auffallendsten waren die Ergebnisse jedenfalls an der eingangs genannten Allee in Köln - eine zweispurige Wohngebietsstraße ohne Mittelstreifen, schön glatt asphaltiert, mit guter Sicht nach vorne und ohne störende Bebauung. An Wochenenden war dort vor dem Blitzmarathon fast jedes zweite Fahrzeug schneller als 40 oder 50 Stundenkilometer unterwegs, unter der Woche immerhin gut 30 Prozent. Nur drei Prozent der Fahrzeuge hielten sich hingegen ans Tempo 30 - also fast niemand, bei immerhin mehr als 2700 Verkehrsbewegungen dort am Tag. Die Polizei hatte dort bis dato zudem noch nicht kontrolliert.

Der Blitzmarathon jedenfalls hat dort nachweisbar auch nach dem Aktionstag noch Autofahrer sensibilisiert, obwohl die Polizei dort nicht mehr blitzte: Der Anteil der Verkehrsüberschreitungen ging auffallend zurück zum Teil um die Hälfte. An Tempo 30 hielten sich statt drei nun immerhin zwischen sechs und zehn Prozent der Fahrzeuge. Und das bis zehn Tage nach dem Blitzmarathon, bis die Messgeräte, die nicht wie 'Starenkästen' aussehen, abgebaut wurden.

Wie stark gingen die gefahrenen Geschwindigkeiten zurück?

Blitzmarathon ist ein Gewinn für die Verkehrssicherheit 

"Im betrachteten Zeitraum konnte die mittlere Geschwindigkeit um etwa fünf Stundenkilometer gesenkt werden und zumindest für eine Woche auf einem geringeren Niveau gehalten werden", erklärt Dirk Kemper. Mit Blick auf mögliche Unfallfolgen - Stichwort: Bremsweg - "bringt es oft schon etwas, wenn die Leute nur zwei bis drei Stundenkilometer langsamer fahren", sagt Kemper.

Auch an einer weiteren Tempo-30-Straße, die ebenfalls optisch eher nicht dazu einlädt, dass man sich am Steuer zügelt, zeigte sich: Die dortigen Geschwindigkeitskontrollen senkten die Zahl der Tempoüberschreitungen auch noch Tage später. Wenn sich dort auch andeutete, dass die Raserkurve zum Ende der Vergleichsmessungen wieder leicht nach oben anzog. An der RWTH Aachen leitet Dirk Kemper deshalb daraus ab: "Tempolimits bringen nur etwas, wenn die Straßenraumgestaltung damit korrespondiert". Neu ist diese Erkenntnis allerdings nicht.

Tempokontrollen machen nicht an jeder Straße Sinn

Dass Tempokontrollen nicht an jeder Ecke Sinn machen, zeigte der zweite analysierte Standort - eine Nebenstraße in der Kölner Innenstadt, wieder an einer Schule, aber diesmal von einem Zebrastreifen unterbrochen. Die Forscher erkannten, dass Fahrzeuge dort ohnehin eher langsam unterwegs waren. Ihr Fazit dort: "Die erzielten Geschwindigkeitsreduktionen infolge des Blitzmarathons fallen nur gering aus" - aber es wurden welche gemessen.

Wie aussagekräftig ist das nun? Aus Sicht der RWTH-Forscher gibt die Studie eine Tendenz. Der Blitzmarathon "sensibilisiert" Autofahrer offenbar, aufs Tempo zu achten. Weil er für eine hohe mediale Aufmerksamkeit sorgt und damit "das Thema Verkehrssicherheit großflächig in die Medien trägt und ins Bewusstsein ruft", meint Verkehrsforscher Dirk Kemper.

Wissenschaftler wollen Blitzmarathon weiter erforschen

Die geringsten Übertretungen seien - wen wundert es - "während der polizeilichen Geschwindigkeitskontrollen beobachtet worden". Die größte Wirkung von Kontrollen "kann an Standorten mit hohen Überschreitungen erzielt werden". Weitere Blitzmarathons machen aus Sicht der Forscher daher Sinn. Allerdings müssten "immer neue Reize gesetzt werden", meint Dirk Kemper. Jüngst konnten etwa Bürger über die Orte der Messstellen abstimmen. Öffentliche Beteiligung und Berichterstattung seien wesentlich für einen nachhaltigen Erfolg des Blitzmarathons, sagt Dirk Kemper.

Weiter erforscht werden sollten die Blitzmarathons jedoch auch, meint Dirk Kemper. "Man müsste netzweit das Verkehrsverhalten betrachten, über einen längeren Zeitraum und mit Daten von Stellen vergleichen, wo der Verkehr nicht überwacht wird". Gelegenheit dazu wird es geben. Der nächste Blitzimarathon soll, heißt es, im Herbst starten. Dann, wie schon im Oktober 2013, wieder bundesweit.

Die Polizei in Köln hat unterdessen auch ihre Schlüsse aus der Studie gezogen, sagt Dirk Kemper: "Sie kontrolliert jetzt auch öfter an der Stadthalterhofallee". Nicht nur beim Blitzmarathon.