Bereitschaft zu Erster Hilfe sinkt

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Oberhausen.. Bei einem Notfall warten viele lieber auf Fachleute wie Ärzte oder Sanitäter, statt selbst Erste Hilfe zu leisten - so lautet das Ergebnis einer aktuellen Umfrage der „Apotheken Umschau“. Martin Götzke vom DRK Oberhausen erklärt, woran das liegt.

In einer Disco geraten ein paar Jugendliche aneinander. Plötzlich fliegt eine Flasche. Sie trifft einen der jungen Männer am Kopf. Er ist verletzt, aus der Wunde strömt Blut. Doch niemand hilft.

„Alle sind wie aufgescheuchte Hühner herumgelaufen“, erzählt Denniz Durmus, der gerade beim Oberhausener DRK einen Erste-Hilfe-Kurs besucht. Selbst das Sicherheitspersonal hätte nichts getan. Er selbst habe zwar versucht, seinem Freund zu helfen, sei aber völlig überfordert gewesen.

Obwohl die Situation, die der 26-jährige Lehramtsstudent beschreibt, schon einige Zeit zurückliegt, passt sie zum Ergebnis einer aktuellen Umfrage der „Apotheken Umschau“: Die Bereitschaft zu Erster Hilfe ist gesunken.

57 Prozent
warten auf die Profis

Die „Apotheken Umschau“ hat eine Befragung aus dem Jahr 2002 mit einer aktuellen Umfrage zum Thema Erste Hilfe verglichen. Das Ergebnis: 57 Prozent der Befragten gaben an, die Erste Hilfe lieber Fachleuten wie Ärzten oder Sanitätern zu überlassen. 2002 sagten dies nur 44 Prozent. Heute warten auch mehr Personen (46 Prozent) lieber erst mal ab, ob nicht jemand anderes hilft, 2002 zögerten mit 38 Prozent etwas weniger.

Das Ergebnis ist umso erstaunlicher, weil sich der Ausbildungsstand seit 2002 verbessert hat. Damals konnten nur 71 Prozent der Befragten einen Erste-Hilfe-Kurs vorweisen, heute sind es 80 Prozent.

Laut „Apotheken Umschau“ gaben viele der Befragten an, Angst davor zu haben, sich bei den lebensrettenden Sofortmaßnahmen zu verletzen, anzustecken oder in Unannehmlichkeiten verwickelt zu werden.


„Viele machen gar nichts, setzen einfach nur den Notruf ab“

Martin Götzke, Leiter der Aktive Dienste beim Oberhausener Deutschen Roten Kreuz (DRK), bestätigt das Ergebnis der „Apotheken Umschau“. „Viele machen gar nichts, setzen einfach nur den Notruf ab“, sagt Götzke. Nur die Wenigsten würden selbst Hand anlegen. Der 29-jährige Rettungsassistent glaubt aber nicht, dass dieses Verhalten in erster Linie der Angst geschuldet ist, sich selbst zu verletzen, anzustecken oder in Unannehmlichkeiten verwickelt zu werden.

„Die Leute wollen helfen“, meint Götzke, „sie sind überfordert“, viele Ersthelfer würden sogar vergessen, dass sie einen Erste-Hilfe-Kasten im Auto haben. Der Adrenalinspiegel sei zu hoch und „die Leute haben Angst etwas falsch zu machen“. Schuld sei die fehlende Routine, oft liege der Erste-Hilfe-Kurs Jahrzehnte zurück.

Aber: „Ich kann nur etwas falsch machen, wenn ich gar nichts mache“, erklärt der DRK-Mann. Statt lange darüber nachzudenken, was noch mal die richtige Armstellung bei der stabilen Seitenlage war, sollte man den Verletzten einfach auf die Seite rollen. Für diejenigen, die tatsächlich befürchten, sich bei der Mund-zu-Mund-Beatmung mit einer gefährlichen Krankheit zu infizieren, hat Götzke einen Tipp: „Dann lässt man die Beatmung sein und drückt einfach nur.“ In den USA sei das inzwischen ohnehin Standard.

Sollte bei der Ersten Hilfe doch mal etwas schief gehen, ein Rippenbruch oder ein ausgekugelter Arm, müssen Ersthelfer keine rechtlichen Konsequenzen fürchten. Nur wer grob fahrlässig handelt oder dem Verletzten sogar vorsätzlich Schaden zufügt, kann dafür belangt werden. Ein solcher Fall sei ihm aber nicht bekannt, sagt Götzke.

Ansturm nach der
Loveparade-Katastrophe

Strafbar macht sich allerdings, wer bei einem Notfall gar nichts unternimmt. Rechtlich ist man hier zwar mit dem Absetzen des Notrufs aus dem Schneider. Für die Opfer kann das aber schlimme Folgen haben, wie der Rettungsassistent erklärt. Oft komme es auf Minuten an. Bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand „sterben nach drei bis vier Minuten die ersten Gehirnzellen ab“. Und der Rettungswagen sei häufig erst nach sieben bis zehn Minuten da.

Zum Glück gibt es auch Ersthelfer, die nicht erst auf den Notarzt warten. Der DRK-Mann berichtet von einer älteren Dame, die an einer Bushaltestelle zusammen gebrochen sei. Sie wurde von zwei Jugendlichen wiederbelebt. Die beiden hatten gerade den Erste-Hilfe-Kurs für ihre Führerscheinprüfung hinter sich.

Aber es ist eben reine Glückssache, ob man an einen Ersthelfer gerät, der gerade seinen Führerschein gemacht hat. Oder an jemanden wie Denniz Durmus, der sich beim Erste-Hilfe-Kurs anmeldete, nachdem er selbst miterlebte, wie es sich anfühlt, wenn ein Freund in Not gerät und man nicht weiß, wie man ihm helfen soll.

Der Klassiker, übrigens: Die meisten kommen laut Götzke erst dann auf die Idee, ihre Erste-Hilfe-Kenntnisse aufzufrischen, wenn „sie Situationen erlebt haben, denen sie nicht gerecht werden konnten“. Nach der Duisburger Loveparade-Katastrophe habe es einen regelrechten Ansturm auf die Erste-Hilfe-Kurse des DRK gegeben. Das Interesse sei inzwischen aber wieder abgeebbt. Der Rettungsassistent findet, dass es verpflichtend sein sollte, regelmäßig einen Erste-Hilfe-Kurs zu besuchen. Alle drei Jahre, das wäre eine „gesunde Einstellung“.

 
 

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