Baumaterial geklaut wie die Raben

Foto: Henryk Brock

Unna.. Als Faulenhäuser, Holzbaracken und Nissenhäuser wurden sie damals, 1960, bezeichnet, die Schwedenhäuser im Kiefernweg. „Wegen der unterschiedlichen Farben“, erklärt Emil Flunkert (67), der zu den Bewohnern der ersten Stunde zählt.

Dabei handelte es sich bei der „Schweden-Siedlung“ um den ersten sozialen Wohnungsbau in Unna nach dem Zweiten Weltkrieg. Entstanden auf dem Gelände einer Obstplantage, wurden die Grundstücke ausschließlich an kinderreiche Familien verkauft. Aus fünf unterschiedliche Häusertypen zwischen 75 und 120 m² Grundfläche konnten die Bauherren wählen. Als Reichsheimstätte ausdeklariert, waren die Besitzer, selbst wenn sie kein Geld mehr hatten, zudem vor einer Enteignung geschützt. Darüber hinaus hatten die Häuser einen großen Vorteil: Sie waren mit einem Preis von 40 000 Mark bis zu 60 000 Mark günstiger als die herkömmlichen gemauerten Varianten aus Stein.

„Vor allem deshalb wurden die Schwedenhäuser besonders arg kritisiert“, erinnert sich Rosemarie Böhme, „denn die Handwerker hatten Angst, dass der Aufschwung nach dem Krieg leiden könnte, weil die Häuser komplett aus Schweden importiert wurden.“ Dennoch wurden 58 von ihnen gebaut – „und das Material von rund drei Häusern geklaut“, fügt die 68-Jährige amüsiert ein. Beim Aufreißen der eigenen Außenwände hat sie viel später festgestellt, dass sich zwischen den Rigipsplatten hinter der Holzfassade überhaupt keine Steine befanden. „Die sind gar nicht erst eingebaut worden“, erklärt sie die unerklärliche Hellhörigkeit in ihren vier Wänden. Aber abhanden gekommen war an allen Häusern etwas.

Viele der Bewohner kennen sich seit ihrer Jugend. „Wir sind zusammen aufgewachsen“, sagt Flunkert, „haben aber aber alle zwischendurch für viele Jahre woanders gewohnt.“ Die meisten sind in ihre Elternhäuser zurückgekehrt, nachdem Mutter und Vater gestorben waren. Anton Buller erinnert sich an die Anfänge: „Alles war genau vorgeschrieben“, weiß der 69-Jährige, „es gab einen Plan für die Vorgartenbepflanzung und vor jedem Haus mussten drei Kiefern stehen.“ Heute, 50 Jahre später, pflegen viele eine innige Nachbarschaft im kleinen Kreis, „ohne dass man dem anderen in den Kochtopf guckt“, wie Emil Flunkert meint.

 
 

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