Ausbrecherin mit Fischhunger

Der Zirkus Charles Knie ist zu Gast in Siegen auf der Marienhütte. Für Wir mittendrin besuchte Irmine Skelnik den Zirkus Knie und die Seelöwen Stefanie und Manta.
Der Zirkus Charles Knie ist zu Gast in Siegen auf der Marienhütte. Für Wir mittendrin besuchte Irmine Skelnik den Zirkus Knie und die Seelöwen Stefanie und Manta.
Foto: Rene Traut

Siegen. Zu Besuch bei Seelöwen – was zieht man da an? Das war tatsächlich die erste Frage, die ich Zirkus-Sprecher Sascha Grodotzki beim Vorgespräch zu meinem Besuch beim Zirkus Charles Knie gestellt habe.

Mit der Antwort „feste Schuhe“ kam ich klar. Trainerin Monika kommt am Dienstag ebenfalls in Jeans und Turnschuhen. Denn bei Stephanie und Manta wird man nicht zwangsläufig nass. Zumindest nicht, wenn man schnell genug ausweicht, während sich die Seelöwenweibchen ins 50 000 Liter große Außenbecken stürzen, um Ringe und Bälle zu holen. Die 21-Jährige hat das Ausweichmanöver perfektioniert. Ich muss noch üben.

Die Seelöwen beäugen mich misstrauisch als ich ihr Außengehege betrete, lassen sich aber nicht stören. Aus der Nähe sind die 80 Kilo schweren Tiere imposanter als gedacht – aber bei Monika hören sie aufs Wort. Schließlich arbeitet das Team seit 2009 zusammen. Nach dem Aufwärmen – also für die Seelöwen – darf ich Manta etwas zuwerfen. Meine Gastgeberin fängt das Frisbee brav auf – vermutlich aber eher aus Höflichkeit. Im Gegensatz zu Monika habe ich ja keine Fische dabei.

Sie und Stephanie gehören seit 2005 zum Zirkus. Aus dem Krefelder Zoo hat man sie übernommen. Trainerin Monika ist Zirkuskind in der vierten Generation. Als Zwölfjährige habe sie begonnen mit Hunden zu trainieren – „aber das hier ist doch was anderes“. Die Frage, ob es Spaß macht, beantwortet sie mit einem strahlendem Lächeln. Täglich geht sie mit ihren Schützlingen die Übungen durch. Die die Tiere sind mit Feuereifer dabei, immerhin geht es um Belohnungsfische. Etwa eine halbe Stunde dauert ihr Training – solange, bis die Damen keine Lust mehr haben. Zum Schluss werden Manta und ich doch noch Freunde und ich bekomme einen nassen Seelöwen-Schmatzer zum Abschied. Mittlerweile kann ich sie auch von Stephanie unterscheiden. Der Trick: Stephanie hat auch schwarze Barthaare – Manta nur weiße.

Nach dem Training zeigt mir Sascha Grodotzki den Rest des Zirkusstadt an der Marienhütte. Denn die erwacht nun zum Leben: In der Manege haben die Zebras eben ihr Training beendet und im Pferdestall treffe ich unverhofft auf ein bekanntes Gesicht. Der Siegener Hufschmied Bruno Peter kümmert sich um die Hufe der großen Friesen. Die treten in Siegen erstmal mit Mini-Ponys auf. Die Kleinen haben ihren Weg über Rebecca Siemoneit-Barum, die in der Lindenstraße Iphigenie Beimer verkörpert, ins Knie-Ensemble gefunden. „Erst dachte ich, bitte nicht noch mehr Pferde“, verrät Grodotzki. Aber die Kleinen entpuppen sich in Siegen als Publikumslieblinge. Mit je über 1000 Besuchern bei den Wochenendshows in Siegen ist der Sprecher sehr zufrieden.

Ein Leben ohne Zirkus kann sich Grodotzki nicht vorstellen. Nach seinem Abitur sei er für ein Jahr zu Zirkus Krone gegangen. „Um mir zu beweisen, dass Zirkus nichts für mich ist“, sagt er. Den Aufenthalt verlängerte er, machte dann eine Ausbildung als Bürokaufmann und studierte Betriebswirtschaft. „Alles innerhalb von zwei Jahren, um möglichst schnell zurück zum Zirkus zu können“, sagt er. Während wir über sein Leben plaudern, setzt Manta unauffällig im Hintergrund ihr verborgenes Talent als Ausbrecherin ein und klettert auf den etwa 1,5 Meter hohen Zaun. Doch auch wenn ich gerne gesehen hätte, wie ihr Ausflug zur Fischküche endet, verpetze ich sie lieber. Der Zirkussprecher schimpft und der Seelöwe verschwindet schuldbewusst in seinem Becken. Den Rest der Zeit beobachtet sie uns aus dem Wasser heraus – vermutlich wartet sie nur darauf, dass sie wieder freie Bahn zur anliegenden Küche hat – dahin schleicht sie sich wohl oft.

 
 

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