Atomexperte kritisiert "miese Beschwichtigungspolitik" in Japan

Daniel Freudenreich
Der deutsche Atomexperte Renneberg sieht die unmittelbare Gefahr eines Super-GAUs im Atomkraftwerk Fukushima. (Foto: ap)
Der deutsche Atomexperte Renneberg sieht die unmittelbare Gefahr eines Super-GAUs im Atomkraftwerk Fukushima. (Foto: ap)
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Der ehemalige Chef der deutschen Atomaufsicht, Wolfgang Renneberg, sieht die unmittelbare Gefahr eines Super-GAUs im japanischen Atomkraftwerk Fukushima. Die Beschwichtigungspolitik der dortigen Regierung hält er für unverantwortlich.

Stuttgart. Der ehemalige Chef der deutschen Atomaufsicht, Wolfgang Renneberg, rechnet mit einem Super-GAU im japanischen Atomkraftwerk Fukushima. „Die unmittelbare Gefahr ist da“, sagte Renneberg dieser Zeitung.

Der Kernkraftexperte befürchtet, dass es - wie in Reaktor 1 schon geschehen - auch im Reaktor 3 der Anlage zu einer Explosion kommt. Nach Angaben der japanischen Regierung ist es auch dort zu einer „geringen Kernschmelze gekommen.“ Dabei entsteht Wasserstoff. Diese Gefahr einer Explosion hat ein Regierungssprecher eingeräumt, wobei sie nach dessen Angaben „kein Problem“ für den Reaktor bedeute.

Radioaktivität würde in großen Mengen freigesetzt

„Das ist eine ganz miese Beschwichtigungspolitik, die ich unverantwortlich finde“, sagte Renneberg. Bei einer Explosion könne der Sicherheitsbehälter, in dem die Brennstäbe sind, zerstört werden. Dann wäre die Radioaktivität frei und es gäbe keinen Reaktor mehr. „Das wäre der Super-GAU“, sagte Renneberg. Radioaktivität würde dann in großen Mengen freigesetzt.

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Wie die Regierung mitteilte, hat der Kraftwerkbetreiber am Sonntag Meerwasser vermischt mit Borsäure und zur Kühlung in Reaktorblick 3 geleitet. „Das ist der letzte Versuch“, sagte der Atomexperte und sprach von einem hohen Risiko einer Explosion. Hier entstehe viel Wasserdampf. In Verbindung mit geschmolzenem Metall könne daraus der explosive Wasserstoff werden.

Meer wäre verseucht

Aus Rennebergs Sicht gibt es bei der Mehrwasserkühlung vier Szenarien. Bestenfalls kann das Wasser im Reaktor einfach ausgetauscht und ins Meer geleitet werden. „Damit wird das Meer verseucht“, sagte Renneberg. Dies hält der Kernkraftfachmann für die harmloseste Variante. Schlimmer sei es, wenn die radioaktiven Partikel in die Luft kämen. Dies passiert, wenn die Betreiber Druck aus dem Reaktorkessel in großen Maße ablassen. Den größten Schaden entstünde durch die Zerstörung des Behälters. Reneberg befürchtet, dass er entweder explodiert oder durchschmilzt. Mehrere Wochen würden dann radioaktive Partikel im gasförmigem Zustand wie Cäsium und Jod in die Luft gelangen.

Aus Rennebergs Sicht könnte sich eine Katastrophe wie in Japan auch in Deutschland ereignen. „Wir sind nicht so stark erdbebengefährdet“, räumte er ein. „Dafür sind die Atomkraftwerke in Deutschland aber auch nicht so stark gegen Erdbeben ausgelegt.“ Unter Experten gebe es seit langem Diskussionen, ob die festgelegten Grenzwerte für die deutschen Meiler ausreichten.