Anwohner kämpfen gegen giftige Tannenbaum-Plantagen

Weihnachtsbaum-Plantagen sind im Sauerland  zahlreich. Doch die Anwohner wollen das nicht länger hinnehmen. Foto: Heinz Krischer/WR
Weihnachtsbaum-Plantagen sind im Sauerland zahlreich. Doch die Anwohner wollen das nicht länger hinnehmen. Foto: Heinz Krischer/WR
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Im Sauerland sagen Anwohner dem zunehmenden Weihnachtsbaum-Anbau den Kampf an. Sie fürchten den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln in der Nähe der Wohngebiete - und fordern ein Verbot weiterer Anbauflächen.

Bestwig. Im Sauerland wächst der Widerstand gegen die stark zunehmenden Weihnachtsbaumflächen. In Bestwig hat sich eine Bürgerinitiative gegründet, die Monokulturen und den bis in manche Wohngebiete reichenden Chemieeinsatz nicht mehr hinnehmen will.

„Mit Wald hat das gar nichts mehr zu tun, was wir in manchen Orten im Sauerland sehen“, sagt Toni Vollmer, Kreistagsmitglied der Grünen und eng mit der Bestwiger Bürgerinitiative verzahnt. Die Initiative besteht zurzeit aus rund einem Dutzend Aktiver.

Als vor wenigen Wochen neue Plantagen vor ihrer Haustür absehbar wurden, formulierten sie einen Brief an Landesumweltminister Johannes Remmel (Grüne), unterschrieben von 130 Nachbarn. Sie fordern ein Verbot weiterer Weihnachtsbaumkulturen auf Kyrill-Flächen im Wald, schärfere Vorschriften und effektive Kontrollen von Flächen in der Landschaft. „Entweder wir wehren uns, oder wir ziehen weg“, sagt eine Mutter mit Blick auf ihr kleines Kind.

Abstandsflächen und Chemie-Einsatz nicht definiert

Als der Orkan Kyrill vor fast fünf Jahren weite Waldflächen des Sauerlandes kahl fegte, entstanden freie Flächen, die nach und nach wieder aufgeforstet wurden. Manchmal mit Buchen oder Douglasien, immer öfter aber mit den Weihnachtsbäumchen, die alle sieben bis acht Jahre abgeerntet werden. Weil aber auch das offiziell als „Aufforstung“ gilt, braucht es keine Sondergenehmigung – zum Beispiel um Abstandsflächen und den Chemie-Einsatz zu definieren. Das wollen die Bürger und auch die Sauerländer Grünen nicht länger hinnehmen. Zwar findet auch Umweltminister Remmel diese Entwicklung „bedenklich“, will dem auch mit einer Änderung des Landesforstgesetzes gegensteuern – doch das kann noch dauern. „Es steht aber noch in dieser Legislaturperiode auf der Agenda“, sagt Minister-Sprecher Wilhelm Deitermann.

So sind in den vergangenen Jahren die Anpflanzungen immer dichter auch an Wohngebiete herangerückt. Manche Orte, wie beispielsweise Heringhausen bei Bestwig, sind von allen Seiten von den Monokulturen eingekreist.

In Bestwig selbst, wo die A 46 endet, haben viele Besucher des Sauerlandes die Baumkulturen schon sehen können: Dort wachsen sie auf dem ganzen Hang, bis hinunter zur Ruhr, die sich durchs Tal schlängelt. Die nächsten Flächen sind auf der gegenüberliegenden Talseite entstanden, wo Maria H. wohnt. Und die Anwohnerin regt nicht nur der zunehmend monotone Blick aus dem Fenster auf – sondern auch die Behandlung der Bäume mit der chemischen Keule.

Anwohner berichten von „Nebelschwaden“ über der Siedlung

„Wenn dort gespritzt wird, dann ziehen ganze Nebelschwaden über die Siedlung“, sagt sie.

„Man fängt an zu keuchen und zu husten. Dann müssen wir ganz schnell alle Fenster schließen“, berichtet die Frau, die aus Sorge vor Repressalien ihren Namen nicht gedruckt sehen möchte. „Manchmal“, ergänzt ein anderer Nachbar, „fahren die Trecker über Tage hinweg tausende Liter auf die Flächen.“

Tatsächlich ist das Thema Weihnachtsbaumanbau im Sauerland ein heißes Eisen. Es gibt viele Hobby-Pflanzer, die nur auf ein paar Quadratmetern „Tännekes“ aufziehen und sich damit in der Weihnachtszeit ein kleines Zubrot verdienen. Daneben aber gibt es etwa 30 „Große“, wie Toni Vollmer schätzt. Sie betreiben den Anbau industriell, und für sie ist es kein Zubrot, sondern ein großes Geschäft.

Und das muss ökonomisch betrieben werden. Während einzelne Biobauern noch mit Rasenmähern durch die Weihnachtsbäume gehen oder Schafe halten, gehört auf den großen Plantagen der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zum Alltag. Besonders beliebt: „RoundUp“, ein Breitband-Herbizid, 1974 vom Chemieriesen Monsanto erfunden und mittlerweile patentfrei auch von anderen Firmen vertrieben.

Als vor einigen Wochen die Risiko-Einschätzung des NABU bekannt wurde, die den in RoundUp enthaltenen Wirkstoff Glyphosat als möglicherweise Krebs erregend einstuft, läuteten bei den Anwohnern die Alarmglocken. „Das können und wollen wir nicht länger hinnehmen“, sagt Maria H. aus Bestwig.

Entwarnung gibt es jedoch für die Weihnachtsbäume, die demnächst in den Wohnzimmern stehen. Sorgen, dass auch sie giftige Chemikalien ausdünsten können, seien unbegründet, meint Dr. Steffi Ober vom NABU. Die auf sie gespritzten Chemikalien seien in den Wochen bis zum Schlagen der Bäume abgewaschen.

Info

Allgegenwärtiges Gift

Glyphosat, der Wirkstoff in Pflanzenschutzmitteln wie „RoundUp“ von Monsanto, ist das weltweit am häufigsten benutzte Herbizid. Es lässt die Gräser und „Unkräuter“ vertrocknen.

Der Stoff selbst und Helfer-Chemikalien, die dafür sorgen, dass Glyphosat in die Pflanzen kommt, steht im Verdacht, krebserregend zu sein.

Der Nachweis der Chemikalie im Grund- und Oberflächenwasser ist sehr aufwendig und wird deshalb kaum vorgenommen – obwohl Millionen Tonnen von Glyphosat jährlich auf Feldern ausgebracht werden.

Das nordrhein-westfälische Landesamt für Natur, Umwelt, und Verbraucherschutz (LANUV) kündigte am Freitag gegenüber der Westfälischen Rundschau an, dass ab 2012 im Umfeld von Weihnachtsbaumkulturen im Sauerland gezielt nach der Chemie im Wasser und Boden gesucht werden soll.

 
 

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