Amok-Ankündigung im Internet wohl eine Fälschung

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Berlin. Der Amokläufer Tim Kretschmer hat seine Tat womöglich doch nicht zuvor im Internet angekündigt. Erhebliche Zweifel melden die Polizeidirektion Waiblingen und die Staatsanwaltschaft Stuttgart an. Unions- und SPD-Politiker kritisieren unterdessen die nach dem Amoklauf einsetzende politische Debatte als "hysterisch".

Der Amokläufer Tim Kretschmer hat seine Tat womöglich doch nicht zuvor im Internet angekündigt. Die Polizeidirektion Waiblingen und die Staatsanwaltschaft Stuttgart bezweifeln die entsprechende Darstellung des baden-württembergischen Innenministers Heribert Rech (CDU) auf einer Pressekonferenz am Donnerstag. Derzeit gebe es interne Überprüfungen durch Spezialisten des baden-württembergischen Landeskriminalamtes, sowie Vernehmungen von Personen, die angaben, diesen Eintrag gesehen zu haben, teilten Polizei und Ermittler am Donnerstagabend in einer gemeinsamen Erklärung mit. Auch gebe es eine Auslandsanfrage beim Betreiber des Servers in den USA.

Kritik am baden-württembergischen Innenminister Rech

Erste Zweifel an der angeblichen Tatankündigung des Amokläufers Tim Kretschmer waren am Nachmittag aufgekommen, nachdem der Betreiber der Internetseite krautchan.net mitteilte, bei dem von Rech auf einer Pressekonferenz am Vormittag präsentierten Internetchat handele es sich um eine Fälschung. «Hier wurde kein Amoklauf angekündigt, es gibt hier nur Leute, die mit Photoshop umgehen können», schreibt der Betreiber von krautchan.net mit Hinweis auf das Bildverarbeitungsprogramm. Dieser Darstellung zufolge hat Rech eine Fotomontage des Chats präsentiert.

"Scheiße Bernd, es reicht mir. Ich habe dieses Lotterleben satt"

Der Chatroom-Eintrag des Täters in der Nacht zuvor begann nach Angaben Rechs mit den Worten: «Scheiße Bernd, es reicht mir. Ich habe dieses Lotterleben satt». Es sei «immer dasselbe - alle lachen mich aus, niemand erkennt mein Potenzial». Mit den Worten «Ich meine es ernst» habe der 17-Jährige seine Amoklaufdrohung untermauert. Auf dem auf krautchan.net dagegen abgebildeten angeblichen Original ist davon nichts zu lesen. Rech zufolge bekam die Polizei den Hinweis auf den Chatroom vom Vater eines Jugendlichen aus Bayern.

Auch Rech ist mittlerweile zurückgerudert: "Irgendein Verrückter hat wohl eine schlimme Falschmeldung in die Welt gesetzt", sagte er der «Süddeutschen Zeitung». Die Ermittler der Polizei hätten auf dem Computer von Tim Kretschmer festgestellt, dass der Forum-Eintrag nicht von dort verfasst worden sei. «Das muss wohl im Nachhinein konstruiert worden sein», sagte der Minister. Er wies Kritik zurück, die Ermittler hätten sich zu früh auf die Echtheit des Eintrages festgelegt. «Ich habe stets deutlich gemacht, dass es sich um den vorläufigen Stand der Ermittlungen handelt.»

Die Sprecherin der Staatsanwaltschaft Stuttgart, Claudia Krauth, sagte: «Wir sind wie vor den Kopf gestoßen.» Sie fügte hinzu: «Wir sind fest davon ausgegangen, dass der Eintrag stimmt, weil wir ihn auf dem Computer des Amokläufers gefunden haben.» Nun müsse in Ruhe geprüft werden, was es mit dem Eintrag auf sich habe. Auch mit dem bayerischen Jungen und seinem Vater, der den Eintrag publik gemacht hatte, müsse nun erneut gesprochen werden.

Politischer Wettlauf von Forderungen

Unterdessen kritisierten Politiker von Union und SPD die politische Debatte nach dem Amoklauf als «hysterisch». «Wenn ich höre, wie sich die Forderungen nur Stunden nach der Tat überschlagen, ist das doch völlig gaga«, sagte SPD-Innenexperte Dieter Wiefelspütz. Die Politik täte gute daran, den Mund zu halten, bis die Hintergründe des Amoklaufs aufgeklärt seien.

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) hat seine Forderung nach einem Verbot von Killerspielen erneuert. «Ich bin kein Gegner von Computerspielen. Aber es gibt brutalste Killerspiele, die völlig inakzeptabel sind und verboten gehören», sagte Herrmann dem «Münchner Merkur» (Freitagausgabe). Der CSU-Politiker kündigte an, Bayern wolle auf Länderebene einen neuen Anlauf unternehmen, besonders gewaltverherrlichende Spiele aus dem Verkehr zu ziehen. «Wir müssen uns jetzt endlich aufraffen und den Mut haben, die brutalsten Spiele zu verbieten. Das ist keine Frage der Medien- und Kunstfreiheit mehr», sagte Herrmann.

Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann (CDU) sagte dagegen: «Ich warne davor, sich vorschnell in einen politischen Wettlauf von Forderungen hineinzusteigern.» Diese Hysterie mache ihn einigermaßen fassungslos, kritisierte Schünemann. Bei den meisten Vorschlägen - etwa zum Waffenrecht oder zur Sicherheit an Schulen - handele es sich um Placebos. (afp/ddp)

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