Amerika und die Angst vor der Waffenlobby

Dirk Hautkapp

Es ist eine bedrückende Routine, der sich Amerika ausgerechnet immer dann unterzieht, wenn mehr als nur symbolisches Innehalten notwendig wäre. Wie schon bei früheren Amokläufen hat das Land seit dem Blutbad von Aurora vorübergehend in den Schock-Modus geschaltet. An öffentlichen Gebäuden ist Halbmast geflaggt. Die Fernsehsender berichten rund um die Uhr über die Tragödie. Und wissen doch wie alle Kommentatoren auch nicht wirklich weiter. Der Verband der Kino-Besitzer erwägt Metalldetektoren einzuführen. Der Präsidentenwahlkampf pausiert. Amtsinhaber Barack Obama wie sein Herausforderer Mitt Romney gebärden sich als überparteiliche Trostspender.

Über die obszön leichte Verfügbarkeit von Waffen, die 100 Schuss pro Wimpernschlag ausstoßen können und so leicht wie Kaffeemaschinen zu kaufen sind, reden nur die üblichen Verdächtigen. Sie haben Vaterlandsverräter-Status. Ihren Forderungen nach Verschärfung der aus der amerikanischen Verfassung und auf Gewalt basierenden Geschichte des Landes wahrheitsverdrehend abgeleiteten Waffengesetze werden bei Demokraten wie Republikanern „null Chancen“ eingeräumt.

Die Angst vor der übermächtigen Waffenlobby National Rifle Association (NRA), die jedes Antasten der Gesetze mit politischer Hinrichtung des jeweiligen Abgeordneten bestraft, ist so groß, dass jedes Argument kontra Waffen reflexartig zerschossen und eine gegenläufige Meinung schleichend mehrheitsfähiger wird. Tenor: Wäre den Kinobesuchern von Aurora nicht verboten gewesen, Schusswaffen bei sich zu tragen – viele Opfer könnten heute noch leben. Zurück also in den Wilden Westen? Manchmal macht Amerika nur noch stumm.