Alten- und Pflegeheime werden zu Nische für Sex-Geschäfte

Der Straßenstrich oder Hotels sind bekannte Nischen für Prostituierte. Aber auch Alten- und Pflegeheime gehören offenbar mittlerweile dazu. (Foto: dapd)
Der Straßenstrich oder Hotels sind bekannte Nischen für Prostituierte. Aber auch Alten- und Pflegeheime gehören offenbar mittlerweile dazu. (Foto: dapd)
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Schätzungen zufolge tun in jedem zweiten Senioren- oder Pflegeheim Prostituierte ihren Dienst. Allein in Berlin haben sich bereits mehrere Dutzend Frauen auf alte und behinderte Menschen als Freier eingestellt.

Berlin.. Zu alt für die käufliche Liebe? Stephanie Klee lacht. Die Prostituierte ist seit 30 Jahren im Geschäft und viele ihrer Freier leben in Senioren- und Pflegeheimen. „Ich werde mit meinen Kunden älter.“ Die gebürtige Rheinländerin glaubt, dass mittlerweile bundesweit in jedem zweiten Heim Prostituierte ihren Dienst tun. „In den letzten Jahren ist da einiges in Bewegung gekommen.“

Marion Detlefs bestätigt das: „Wir haben jede Woche mehrere Anrufe aus Seniorenheimen, die uns um Hilfe bitten.“ Detlefs ist Sozialarbeiterin beim Berliner Verein Hydra, der seit drei Jahrzehnten die Interessen von Prostituierten vertritt. Ende der 90er -Jahre hat der Verein sämtliche Alten- und Pflegeinrichtungen der Hauptstadt angeschrieben und sich als Vermittler zwischen Heimbewohnern und Huren angeboten. Mittlerweile gibt es nach Schätzungen des Vereins mehrere Dutzend Frauen in Berlin, die sich ausschließlich auf alte und behinderte Menschen als Kunden eingestellt haben.

Ein wichtiger Grund für dieses Engagement ist der Verteilungskampf unter den Prostituierten: Durch die Konkurrenz aus Osteuropa und die immer weniger zahlungsbereite Stammkundschaft suchen sich viele Sexarbeiterinnen neue Nischen.

Fahrdienst ins Bordell, mit Zivi als Begleiter

Laut Marion Detlefs gehen die ersten Heimleitungen jetzt darauf ein: „Es gibt Einrichtungen, wo einmal im Monat eine Prostituierte kommt und dann drei bis vier Männer hintereinander bedient.“ Andere Heime hätten Fahrdienste ins Bordell, mit einem Zivildienstleistenden als Begleiter. Laut Hydra kommt es inzwischen auch vor, dass Prostituierte mit einem Wohnmobil die Einrichtungen ansteuern und ihre Dienste auf dem Parkplatz anbieten.

Stephanie Klee, heute Anfang fünfzig, musste sich dagegen manches Mal „verdeckt in die Zimmer schleichen“. Den Besuch hatten die Sozialarbeiter organisiert, die Heimleitung sollte nichts wissen. Klee kennt Fälle, wo Kolleginnen als „Nichte“ des Heimbewohners vorgestellt wurden, die ab und zu eben mal zu Besuch kommt. Oft regelten die Angehörigen das Geschäft, viele Heimbewohner seien aber auch rüstig genug, um selbst die Sex-Anzeigen abzutelefonieren, auf der Suche nach der richtigen Frau.

„Man muss ja sehen“, sagt Klee, „dass Geschlechtsverkehr im Alter oft nicht mehr so eine wichtige Rolle spielt.“ Viele Kunden würden sich eher nach Zärtlichkeit, Streicheln, körperlicher Nähe sehnen. Für viele sei der Anruf bei einer Prostituierten daher eine Erlösung: „Man muss keine Angst haben, abgelehnt zu werden und man kann sich sicher sein, dass die Frau keine weiteren Ansprüche stellt.“

Pflegeexperten wissen heute, wie ernst man sexuelle Interessen auch im hohen Alter nehmen muss, schon, um Übergriffe zu verhindern und das Pflegepersonal vor heiklen Wünschen zu schützen. Klee hat deshalb bereits für Heimmitarbeiter Seminare zum „Sex im Alter“ gegeben, die in Potsdam lebende Niederländerin Nina de Vries gibt ihre Erfahrungen mit behinderten und demenzkranken Kunden weiter.

„Der Bedarf wird wachsen“, glaubt auch Marion Detlefs von Hydra. Es gebe immer mehr alte Menschen, die „nicht mehr diese 08/15-Stellungen abarbeiten wollen“. Und auch das Angebot dürfte größer werden: „Die Sexarbeiterinnen werden älter und können auf diese Weise lange in ihrem Beruf bleiben.“

 
 

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