Als Wikipedianer von Wulfen ins weltweite Netz

Wulfen.. Christian Liebscher ist Neubürger in Dorsten und leidenschaftlicher Wikipedianer. Er wohnt zwar idyllisch, hat aber ein Problem - denn ein DSL-Anschluss fehlt. Mehr als 30.000 Beiträge hat er für die Internet-Enzyklopädie bereits verfasst.

Christian Liebscher ist Neubürger in Wulfen, seit März lebt er in einer wunderschönen Einliegerwohnung am Waldrand. Alles idyllisch, aber leider noch ohne DSL-Anschluss. Nicht schlimm, würde manch einer sagen, aber für Liebscher ist es der einzige Wermutstropfen im neuen Leben: der 24-jährige Geografiestudent aus Berlin ist aktiver „Wikipedianer“. Seit 2005 schreibt er für die freie Enzyklopädie „Wikipedia“ und muss dafür täglich bis zu sechs Stunden online sein. Momentan loggt er sich über einen WLAN-Stick in das World Wide Web ein, „damit lässt sich zumindest arbeiten, auch wenn die Verbindung schlecht ist“ stellt er fest.

Mit bisher 30.000 Einträgen hat Liebscher im Laufe der vergangenen Jahre dazu beigetragen, dass das multimediale Lexikon vollständiger wird. Die meisten Einträge waren kurze Zusätze oder Berichtigungen, aber der Autor kann auch schon auf 230 neu angelegte Seiten und 250 Hauptbearbeitungen zurückblicken. Damit ist er einer von knapp über 23.000 Aktiven, die Artikel verfassen, sich gegenseitig kontrollieren und zu weiteren Texten einladen.

Heimatkunde und Bahngeschichten als zentrale Themen

„Angefangen hat alles mit der Korrektur eines kleinen Fehlers, einer falschen Jahreszahl in einem Artikel über die Berliner U-Bahn“ berichtet Christian Liebscher. „Ich hab mich bei Wikipedia angemeldet und das war der Startschuss“. Anmelden, das ist auf der Webseite ganz einfach und jedem zugänglich. Ein Name muss her, ob es der eigene „Klarname“ ist, oder ein Pseudonym. Letztere Variante wird von den meisten gewählt, und auch Liebscher bleibt im Netz lieber „Platte“. Diesen Benutzernamen hat er sich in Anlehnungan den Ort seiner Kindheit zugelegt, die Plattenbausiedlung in Berlin Hohenschönhausen.

Heimatkunde und Bahngeschichten, das sind die zentralen Themen, zu denen Liebscher recherchiert und schreibt. „Für den Artikel zu Berlin Alt-Hohnschönhausen bin ich durch die Straßen gelaufen, habe Fotos gemacht und Chroniken im Heimatmuseum gewälzt“. Natürlich müssen Einträge bei Wikipedia durch Quellenangaben belegt werden. Außerdem gibt es die Kontrolle durch sogenannte „Sichter“, Mitglieder, die lange dabei sind und sich als Autoren bewährt haben. Die „Community“ überwacht sich praktisch selbst. Einträge zu politisch und geschichtlich relevanten Themen werden grundsätzlich gesichtet, informiert Liebscher, während Artikel zu Nischenthemen schon einmal monatelang in Netz stehen können, ohne redigiert zu werden.

„Ein Artikel zieht unzählige nach sich und das Lexikon wächst“

Kein Wunder, es gibt im Jahr allein in der deutschen Ausgabe von Wikipedia weit über eine Millionen Einträge. Und die Zahl der Veröffentlichungen steigt permanent. Jeder Autor unterlegt in seinen Texten Stichwörter mit Links, entweder in Blau zu schon existierenden Artikeln, oder in Rot, als Einladung an die Welt dazu etwas zu schreiben. Daraus ergibt sich „ein Lawineneffekt“, wie Christian Liebscher erklärt, „ein Artikel zieht unzählige nach sich und das Lexikon wächst“.

Aktuell befasst er sich wieder mit dem Thema der Berliner Bahnen. Zu den Berliner Ostbahnen hat er schon Beiträge verfasst, die offiziell als „lesenswert“ eingestuft worden sind, eine Stufe vor dem Ritterschlag des „Exzellenten“ Artikels. Das Wissen zum Thema ergibt sich für Liebscher aus seinem Studium, schon in an der TU Dresden hat er innerhalb der Geografie den Schwerpunkt auf „Verkehrswissenschaften“ gelegt und führt das jetzt an der Universität Münster fort. Auch in der neuen Heimat Dorsten hat er schon Themen gesichtet, denen er sich gerne zuwenden wird. Im Laufe der nächsten Zeit können Artikel zu den Vestischen Bahnen oder zu Wulfen von „Platte“ erscheinen. Warum investiert jemand so viel Zeit in diese unentgeltliche Arbeit? „Ich habe ein Wissen, das ich sinnvoll einbringen kann“, ist Christian Liebscher überzeugt. „Und ein bisschen Selbstbeweihräucherung ist auch dabei“ fügt er schmunzelnd hinzu.

 
 

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