Älteren drohen Nachteile durch Rente mit 67

Hannes Koch

Berlin. Die Rente mit 67 soll 2012 starten. Das hat nach hitziger öffentlicher Debatte die Bundesregierung am Mittwoch beschlossen. Ein Faktencheck.

Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) hofft darauf, dass ältere Arbeitnehmer durch den späteren Rentenbeginn keine Nachteile haben. Ob sich diese Hoffnung erfüllen kann? Ein Faktencheck.

Was ändert sich durch die Rente mit 67?

Heute gehen sozialversicherungspflichtige Arbeitnehmer in Rente, wenn sie 65 Jahre alt werden. Dagegen wird der Beginn der Rente ab 2012 hinausgeschoben – jedes Jahr um einen Monat. Dies gilt für die Jahrgänge ab 1947. Das bedeutet Einsparungen für die Rentenkasse. Die Ansage der Regierung: Wenn die Menschen älter werden, müssen sie auch länger arbeiten.

Bekommen alle ihre volle Rente?

Nein, ab dem Jahr 2012 erhalten nur diejenigen Beschäftigten die volle Rente ausgezahlt, die die längere Arbeitszeit absolvieren. Das heißt: 65-Jährige müssen 2012 einen Monat länger arbeiten, bevor sie in Rente gehen können. 2013 sind es bereits zwei Monate. Bis 2019 steigt auf diese Art das Renteneintrittsalter auf 67. Wer früher aufhört, bekommt weniger Altersbezüge. Der Verlust beträgt 0,3 Prozent des vollen Rentenanspruchs pro Monat.

Können die Menschen überhaupt länger arbeiten?

Das ist die entscheidende Frage. Gewerkschaften, Linke und SPD sagen: Nein, viele Beschäftigte hätten keine Chance dazu. Die Unternehmen wollten die älteren Arbeitnehmer nicht weiter bezahlen, weil sie sie für leistungsschwächer hielten. Außerdem könnten viele Industriearbeiter und Handwerker ihre harte Arbeit gar nicht länger machen als bis 65. Das höhere Rentenalter bedeute für diese Menschen damit automatisch Verluste.

Werden ältere Beschäftigte aussortiert?

Heute überwiegend ja. Der Rentenbericht der Regierung zeigt, dass 2009 nur 38,4 Prozent der 60- bis 65-Jährigen erwerbstätig waren. Betrachtet man die Gruppe der sozialversicherungspflichtigen Be­schäftigten (ohne Selbstständige und Beamte), so ist die Lage noch schlechter. Hier arbeiten nur 23,4 Prozent der 60- bis 65-Jährigen. Wird aus dieser Gruppe die Zahl der Teilzeitbeschäftigen und Leiharbeiter herausgerechnet, so sinkt der Anteil unter 20 Prozent.

Das bedeutet: Die meisten normalen Arbeitnehmer würden die neue Altersgrenze von 67 Jahren nicht erreichen und müssten nach heutigem Stand Verluste verschmerzen.

Wird sich die Lage künftig bessern?

Arbeitsministerin von der Leyen nimmt an, dass die Chancen für viele steigen, länger zu arbeiten und in den Genuss der vollen Rente mit 67 zu kommen. Sie beruft sich auf die Fortschritte der vergangenen Jahre. Tatsächlich hat der Anteil der 60- bis 65-jährigen Erwerbstätigen zwischen 2005 und 2009 um 10,3 Prozent zugenommen.

Steigt künftig der Anteil der älteren Arbeitnehmer?

Ja, davon ist auszugehen. Die Zahl der jungen Arbeitnehmer sinkt, die der Arbeitslosen vermutlich auch. Damit steigen die Chancen für Ältere, im Job zu bleiben. Von der Leyen hofft deshalb darauf, dass die Firmen künftig erfahrene Mitarbeiter länger behalten und sie durch Fortbildungen und Gesundheitsvorsorge fit machen für die Rente mit 67. Für „überzogenes Vertrauen in die Unternehmen“ hält dies der Rentenforscher Ernst Kistler, der für Sozialverbände und Gewerkschaften forscht. Umfragen unter Firmen belegten, dass deren Interesse an älteren Arbeitnehmern wieder abnehme, so Kistler.