25 000 Beschäftigte im Warnstreik

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Essen. Der Nahverkehr lag am Freitag zu großen Teilen lahm. Der Müll wurde nicht abgeholt, Stadtwerke arbeiteten nur in Notbesetzung. Der Warnstreik im öffentlichen Dienst beeinträchtigte die Menschen in NRW. Nicht alle Bürger haben Verständnis.

Erst der Bahnstreik. Dann der Warnstreik. Angespannte Stimmung am Essener Hauptbahnhof. Pendler hasten in den U-Bahn-Schacht, kommen Minuten später gestresst wieder nach oben. Hier fährt erstmal nichts mehr. Die Gleise sind mit Flatterband abgesperrt. Mitarbeiter der Verkehrsbetriebe informieren und beruhigen die genervten Fahrgäste. Nicht jeder hat die Streikinformationen im Vorfeld mitbekommen.

„Ich hab einen Termin um 11 Uhr. Jetzt musste ich laufen und dann die Bahn nehmen“, erzählt Manuel Calero. Die Gründe der Streikenden könne er allerdings gut nachvollziehen, betont er. Lisa Kurth wurde vom stillgelegten Nahverkehr überrascht. „Ich komm jetzt gar nicht zur Schule“, stellt sie fest. Jetzt will sich die 16-Jährige um eine Entschuldigung kümmern. Viel Verständnis für den Warnstreik hat sie nicht.

„Der öffentliche Dienst funktioniert nun mal so gut, dass man ihn kaum spürt“, betont Jörg Verstegen, Sprecher von Verdi NRW. „Was da alles geleistet wird, merkt man erst, wenn es mal nicht läuft.“ Und das haben die Beschäftigten im öffentlichen Dienst eindrucksvoll bewiesen. Rund 25 000 Menschen haben sich dem Warnstreik insgesamt angeschlossen, schätzt Verdi NRW. Der öffentliche Nahverkehr in Nordrhein-Westfalen ist zu großen Teilen lahm gelegt. Hier beteiligten sich über 10 000 Beschäftigte. „Das ist mehr, als wir erwartet haben. Da gibt es eine riesige Entschlossenheit – und eine riesige Frustration“, betont Jörg Verstegen. Im Ruhrgebiet traten nach Verdi-Auskunft rund 8500 kommunale Beschäftigte in den Ausstand.

Nicht nur Busse und U-Bahnen stehen still. Auch der Müll bleibt in einigen Kommunen liegen. Rund 15 000 Beschäftigte aus Stadtwerken, Müllverbrennungsanlagen sowie kommunalen Ver- und Entsorgungsunternehmen haben sich den Warnstreiks angeschlossen. „Das wird aber nachgeholt“, betont Verdi-Sprecher Jörg Verstegen. „Wir wollen hier keine Zustände wie in Neapel.“

Während tausende Bus-, Straßen- und U-Bahnfahrer die Arbeit niederlegen, fahren die Taxi-Fahrer an ihren Belastungsgrenzen. „Wir können den Ansturm fast nicht bewältigen“, erklärt Albert Mertes, Geschäftsführer von Taxi Essen. Bereits am Vorabend haben viele Kunden ihr Taxi bestellt. „In solchen Ausnahmesituationen ist fast jeder Wagen im Einsatz.“ Mertes rechnet heute insgesamt mit 3000 bis 4000 Fahrten.

Schulleiter Konrad Großmann ist überrascht, wie viele Schüler trotz des Warnstreiks zum Unterricht im Düsseldorfer Friedrich-Rückert-Gymnasium gekommen sind. „Die Kinder und Jugendlichen sind gelaufen, mit dem Fahrrad gefahren oder gefahren worden. Das hat ganz gut geklappt.“

Verdi-Landesleiterin Gabriele Schmidt bezeichnet die Aktionen der vergangenen Tage als vollen Erfolg. Mit insgesamt weit über 50 000 Streikenden in NRW habe die erste Warnstreikwelle die Erwartungen weit übertroffen.

Die Tarifverhandlungen werden am Montag in Potsdam fortgesetzt. Verdi fordert acht Prozent, mindestens jedoch 200 Euro mehr Lohn. Das Angebot, das die Arbeitgeber vorgelegt hatten, war für die Gewerkschaft nicht ausreichend. „Für die Leute bleibt dann nichts mehr im Portemonnaie. Das Angebot muss nachgebessert werden“, betont Verdi-Sprecher Verstegen. „In letzter Konsequenz müssen wir aber auch an unbefristete Streiks denken.“

Videos: Annika Rinsche und Frank Beilenhoff

Fotos: Tom Thöne, Karl Gatzmanga

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