1960 wuchs das neue Rathaus in den Lüner Himmel

Marion Wedegärtner
Vor 50 Jahren wurde das Lüner Rathaus gebaut - 1967 zeigte es sich mit Wasserspiel im Vordergrund.  Foto: J. Krapohl
Vor 50 Jahren wurde das Lüner Rathaus gebaut - 1967 zeigte es sich mit Wasserspiel im Vordergrund. Foto: J. Krapohl
Foto: Stadtarchiv

Lünen.  Das großzügige Foyer für die Bürgerinnen und Bürger, Hochhaus und Flachbauten für die Verwaltung, über allem für alle das Café mit Blick über alles: auf viel Freigelände direkt zu Füßen, auf Riegel von Fachwerkhäusern, Buden an Markttagen, winzig kleine Menschen und Autos, Bäume, Fluss, eine Wassertreppe zur Sparkasse hin. 1960. „Das ragte schon heraus“, sagt Dirk Husemann. Das neue Rathaus war ein Fanal des demokratischen Neuanfangs, entworfen von den Berliner Architekten Rausch und Stein, mit viel lichter Fensterfront, in sichtbarer Verwandtschaft zu Hochhäusern in den USA. Entschieden modern. Eine Stadt will nach oben. 54 Meter.

Husemann ist Historiker. Und Lüner. Teil der Gruppe der glorreichen Sieben, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, dem Rathaus 50 Jahre nach seiner Eröffnung zu neuer Wertschätzung zu verhelfen: Hans-Jürgen Korn, Karl Marek, Peter Freudenthal, Wolfgang Balzer, Fredy Niklowitz und Johannes Kleffken. Husemann ist mit der Gestaltung der Publikation und der Ausstellungstafeln beauftragt. Heiße Phase.

Fotos, Texte und Dinge

Wir fragten nach dem Stand der Dinge. Zwischendurch wackelte aus Kostengründen schon mal der Sockel. Gelder aus mehreren öffentlichen und privaten Töpfen haben das Projekt gesichert. Die große Ausstellung wird am 6. Oktober im Rahmen der Local-Heroes-Woche eröffnet und sechs Wochen lang gezeigt. Zu sehen sind Fotos, Texte, Dinge.

Die alte Melittakaffeemaschine aus dem Dachcafé. Die hölzerne Truhe, die einmal das Stadtarchiv war. Gegenstände aus dem Verwaltungsalltag. Man erinnere sich: Es gab einmal Lochkarten. Es wird eine rund 200-seitige Publikation erscheinen, eine Sammlung an Fotografien und Aufsätzen.

„Von den Anfängen der Verwaltung im alten Ägypten bis zur Einführung der EDV in der Verwaltung“, beispielsweise. Über das damalige Grafische Kabinett. Über den Architektenwettbewerb zum Rathausneubau. Husemann: „Die Architekten Marek und Freudenthal haben einige hundert Stunden damit zugebracht, die eingereichten Pläne zu sichten, handgezeichnet, wie hätte das Rathaus ausgesehen, wenn man anders entschieden hätte.“

Über den Paternoster, über Veränderungen, Renovierungen. Nachlässigkeiten, Gelungenes, Bemühungen, Gleichgültigkeit. Über die Einweihung mit Willy Brandt. „Sensationell“ kommentiert der Historiker einen Teil des ausgegrabenen Bildmaterials (Niklowitz und Korn sind zuständig für die Bildredaktion). Ein Marktplatz voller Menschen, die gekommen sind, um Brandt zuzujubeln mit glänzenden Gesichtern. Man habe selber häufiger feuchte Augen bekommen, gesteht Husemann. Beim Blick auf Fotos beispielsweise, die das Umfeld zeigen, ehe es so zugebaut wurde, dass der Blick auf die Architektur verloren ging.

Mehr als ein Turm

Es wird ein Rahmenprogramm geben, Filme, Vorträge etc. Das Rathaus ist ja mehr als ein stadtbildprägender Turm, ein Gebäude mit Seitenflügeln, das Zeitgeist repräsentiert und zugleich den Wandel – im Umfeld wie in den Abläufen von Verwaltung, sagt Husemann. „Es ist schön und voller Geschichten.“

Einmal, erzählt Husemann, sei ihm eine Frau aus dem Behördenflur entgegengekommen, die auf den Boden schaute und vor sich hin sagte: „Was soll ich denn jetzt nur tun“. Ein Verwaltungsgebäude hat es per se nicht leicht, als ästhetische Schönheit aufmerksam betrachtet zu werden. Ausstellung, Publikation und Programm sollen den Blick dafür schärfen.