100. Stolperstein erinnert an Unnaer Juden

Gunter Demnig verlegt am 4. Juni in Unna den 100. Stolperstein.
Gunter Demnig verlegt am 4. Juni in Unna den 100. Stolperstein.
Foto: Sascha Brandt

Unna.. Wenn Künstler Gunter Demnig am 4. Juni sein Arbeitsgerät wieder einpackt, sind genau 100 golden-blinkende Stolpersteine vor Unnaer Häusern verlegt. Ein Jubiläum mit traurigem Hintergrund, erinnert doch jeder der Pflastersteine mit Messingüberzug an das Schicksal eines einstigen Mitbürgers. Kinder, Frauen, Männer jüdischen Glaubens, die während des Nazi-Terrors aus ihrer Heimatstadt verschwanden.

„Am kommenden Montag erinnern wir mit vier Stolpersteinen vor dem Haus Bahnhofstraße 25 (heute Ernstings-Family) an das Schicksal der Familie Brandenstein und mit sechs Steinen vor dem Haus Friedrich-Ebert-Straße 26 (neben heutigem Autoschilder-Betrieb) an die Familie Hanauer“, informiert Pfarrer Jürgen Düsberg vom Arbeitskreis Spurensuche.

Siegfried Hanauer (*1878) war mit seiner Frau Käthe (*1887) Anfang 1930 nach Unna zu den Schwiegereltern (Grünewald) gezogen, nachdem das vom Vater geerbte Kurzwarengeschäft in Euskirchen pleite gegangen war. Mit dabei die Kinder Felix (*1912), Paul (*1915) und Elfriede (*1920). Der älteste Sohn Viktor Hermann (*1911) hatte bereits beruflich in München Fuß gefasst, wo er auch 1935 heiratete. Später emigrierte er mit seiner Frau nach Südafrika.

Die Grünewalds betrieben ein kleines Etagengeschäft für Textilwaren an der Bahnhofstraße und auch Siegfried Hanauer blieb der Branche treu, als selbstständiger Handelsvertreter der Knabenhosenfabrik Heinrich Hanauer (Berlin) mit Zuständigkeit für das Rheinland und Westfalen.

Der gesamten Familie gelang es, dem Nazi-Terror zu entkommen, indem sie nach und nach bis 1938 alle nach Palästina auswanderten. Das jüngste Kind Elfriede (verheiratete Brotzen) kehrte 1984 zum Besuch nach Unna zurück, wo sie Schülern des Pestalozzi-Gymnasiums als Augenzeugin über ihre Erlebnisse berichtete, die sie auch niederschrieb.

Nazi-Trubel auf dem Markt

Nach der Machtergreifung der Nazis im Januar 1933 war sie als Schülerin des Lyzeums (heute Katharinenschule) in den Trubel auf dem Unnaer Markt geraten. „Gegenüber dem Rathaus (heute Extrablatt) wurden mit viel Gesang schwarz-rot-goldene Fahnen verbrannt“, berichtet sie. Da sei ein Mann am Rathausfenster erschienen, der gerufen habe: „Auch diese Fahnen werden wieder auferstehen! Darauf liefen SA-Leute hinauf und schlugen ihn blutig.“ Seitdem habe sie „nach der Schule immer einen Umweg nach Hause gemacht“.

Naziterror, den die Brandensteins – die zweite Familie, an die die aktuelle Stolperstein-Aktion erinnert – direkt zu spüren bekamen. Von Straßburg waren Julius (*1877) und Frieda Brandenstein (*1884) mit Tochter Lotte (*1911) im Jahr 1913 nach Unna gezogen und übernahmen an der Bahnhofstraße 25 das Textil- und Konfektionsgeschäft des jüdischen Ehepaares Josef und Fanny Reifenberg.

Schon am 28. März 1933, drei Tage vor dem offiziell ausgerufenen Tag des „Judenboykotts“, beschmierten junge Nazis in SA-Uniform auch das Schaufenster der Brandensteins mit schwarzer Farbe und gelbem Judenstern und hielten Bürger vom Kauf jüdischer Waren ab. Der steigende Druck führte zum Verkauf des Geschäftshauses an den NS-Parteigenossen Hans Sors für 44 300 Reichsmark. Die nach Hilden verheiratete Tochter emigrierte 1938 in die USA, wo ihr bereits 1937 ausgewanderter Bruder Kurt (*1920) in New York lebte.

In der Pogromnacht am 9. November 1938 wurde das Geschäft von Julius und Frieda Brandenstein (wie vier weitere jüdische Geschäfte in der Bahnhofstraße) gestürmt und verwüstet, und das Ehepaar für fast zehn Tage in Schutzhaft genommen. Mit dem Vorwand, zur Tochter nach Hilden umzuziehen, gelang den Brandensteins über Köln die Flucht zu Verwandten nach Holland. Dort entdeckten sie die Nazis, die 1941 ins Nachbarland einmarschiert waren und deportierten das Ehepaar am 15. Juni 1942 in das jüdische Ghetto nach Theresienstadt (bei Prag). Hier setzte das Ehepaar offensichtlich entkräftet und illusionslos dem Leben nur wenig später ein Ende.

Dies dokumentieren die Sterbeurkunden, die der Arbeitskreis Spurensuche ermitteln konnte. Julius Brandenstein, von einer Lungenentzündung geschwächt, starb am 15. Juli 1942 um 17.05 Uhr durch „Selbsttötung mit Schlafmittel“. Seine Frau Frieda folgte ihm nur wenig später auf ähnliche Weise, am 16. Juli um drei Uhr früh: „Selbsttötung mit Gift (Veronal)“.

 
 

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