Zu viel Hygiene schadet der Gesundheit von Kindern

Sauberkeit ist wichtig, zu viel jedoch schädlich. Junge Kinder brauchen die Keime um ein starkes Immunsystem zu entwickeln.
Sauberkeit ist wichtig, zu viel jedoch schädlich. Junge Kinder brauchen die Keime um ein starkes Immunsystem zu entwickeln.
Foto: WNM
Es klingt zunächst paradox, doch Kinder, die in einer klinisch sterilen Umgebung aufwachsen, haben ein hohes Risiko auf Autoimmunerkrankungen. Laut Forschungsergebnissen stärkt ein gewisses Maß an Keimen und Dreck das Immunsystem von Neugeborenen für den Rest ihres Lebens.

Washington. Ein früher Kontakt mit Keimen und Dreck schützt Kinder nicht nur vor Allergien, sondern auch vor chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen. Das schließen Forscher aus Versuchen mit Mäusen. Wurden diese in keimfreier Umgebung geboren und aufgezogen, sammelten sich in ihrem Lungen- und Darmgewebe vermehrt T-Killerzellen des Immunsystems. Die Killerzellen lösten eine Überreaktion aus und führten zu Darmentzündungen und allergischem Asthma. Das berichten die Wissenschaftler im Fachmagazin "Science".

Das gleiche habe man auch bei Mäusen beobachtet, die nicht komplett keimfrei, aber unter verringertem Bakterienkontakt aufwuchsen. Die Forscher gehen davon aus, dass sich die Ergebnisse auf den Menschen übertragen lassen, denn die beteiligten Anteile des Immunsystems seien bei Mensch und Maus sehr ähnlich. Die Beobachtungen seien ein erneuter Beleg, dass zu viel Hygiene im Kindesalter eher schadet. Gerade für Babys und Kleinkinder sei eine mikrobenreiche Umgebung wichtig.

Schutz-Wirkung hält ein Leben lang

Epidemiologische Studien hatten schon früher einen Effekt von Bakterienkontakt im Kindesalter auf die Gesundheit gezeigt. Der biologische Mechanismus sei aber unbekannt gewesen. "Indem wir nun einen potenziellen Mechanismus für diesen Zusammenhang identifiziert haben, können Wissenschaftler gezielter nach den Faktoren suchen, mit denen die Bakterien uns vor späteren Allergien und Autoimmunerkrankungen schützen", schreiben Torsten Olszak von der Harvard Medical School in Boston und seine Kollegen.

Wie die Versuche zeigten, schützt der Kontakt mit Bakterien nur dann, wenn er in früher Kindheit erfolgt: Brachten die Wissenschaftler keimfrei geborene Mäusejunge innerhalb der ersten Lebenswochen mit Keimen in Berührung, blieben die Tiere gesund.

"Die Unterschiede in der Menge an T-Killerzellen ließen sich nach dem Abstillen nachweisen und hielten ein Leben lang an", sagen die Wissenschaftler. Erfolgte der Kontakt aber erst bei älteren Tieren, konnten die Veränderungen im Gewebe und damit die Erkrankungen nicht wieder rückgängig gemacht werden. Der Kontakt mit Mikroben habe damit schon frühzeitig eine bleibende Wirkung auf die Gesundheit.

Verantwortlich für eine gehäufte Ansammlung von T-Killerzellen ist nach Angaben der Forscher ein Protein namens CXCL16. Bei den keimfrei aufgewachsenen Mäusen fanden sie dieses Protein in besonders großer Menge in Darm- und Lungenzellen. Es wird auch in menschlichen Schleimhautzellen vor allem bei Entzündungen hergestellt und lockt T-Killerzellen an. Normalerweise sollen die T-Killerzellen Krankheitserreger im Gewebe bekämpfen. Bei einer Autoimmunerkrankung greift die Immunabwehr jedoch irrtümlich eigene Zellen und Gewebe an und löst so Zellschäden und chronische Entzündungen aus. (dapd)

 
 

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