Wie Sie dem Gedächtnis auf die Sprünge helfen

Kirsten Simon
Alles reine Kopfsache: Oliver Geisselhart ist Deutschlands bekanntester Gedächtnistrainer.
Alles reine Kopfsache: Oliver Geisselhart ist Deutschlands bekanntester Gedächtnistrainer.
Foto: Ralf Rottmann
Namen merken, verlegte Dinge wiederfinden oder Vokabeln lernen: Oliver Geisselhart ist laut dem ZDF Deutschlands Gedächtnistrainer Nummer eins und verrät seine Experten-Tipps. Er sagt: Bilder mit Schweinskram seien besonders einprägsam. Wir sollten unsere Eselsbrücken dann nur für uns behalten.

Dortmund. Das Gedächtnis – es ist Fluch und Segen zugleich. Wir sind froh, dass wir es haben und ärgern uns, wenn es nicht so will wie wir wollen. Wie war noch mal der Name der neuen Nachbarin? Wo ist denn bloß die Brille abgeblieben? Und überhaupt, wir sind so vergesslich in letzter Zeit.

Alles eine reine Kopfsache. Oliver Geisselhart kennt sich damit aus. Das ZDF hat ihn zu „Deutschland Gedächtnistrainer Nummer eins“ ernannt. Seit 30 Jahren tourt der 45-Jährige durch die Lande, um Firmen und Privatpersonen zu erklären, mit welchen Tricks sie sich manches besser merken können. Ein paar Beispiele:

Namen behalten

„Guten Tag, mein Name ist Kuwalsky“. „Angenehm!“ – und trotzdem vergessen, noch bevor man sich selbst vorgestellt hat. Mit der richtigen Methode wäre das nicht passiert. Oliver Geisselhart empfiehlt, die wichtigen Begriffe zu verbildern. Denn: „Bilder oder Bildergeschichten bleiben leichter hängen.“ Kommen wir zurück zu Herrn Kuwalsky, unser Kopf übersetzt ihn so: Eine Kuh fährt auf dem Wall Ski (KuhWallSki). Herrn Wolf könnten wir uns mit einem Wolf tanzend vorstellen, Herr Strenge ist ein ganz Strenger.

Das funktioniert auch bei Vornamen: „Hallo, ich bin Horst!“ – schon sehen wir ihn in Gedanken auf einem Adlerhorst sitzen und brüten. Ein Bild, das wir so schnell nicht mehr vergessen – ebenso wie den Namen. „Ich heiße Frank“ – und wir stellen uns die neue Bekanntschaft prompt nackt vor uns, weil wir den Namen mit „frank und frei“ verknüpfen.

Nackig findet unser Gehirn gut, „Bilder mit Schweinskram sind besonders einprägsam“, sagt der Gedächtnistrainer. Er sagt auch, dass wir uns bei dieser Methode Zeit geben sollen, der Anfang sei oft holprig. Noch etwas: Die Assoziationen besser nicht ausplaudern, das Kopfkino darf unser Geheimnis bleiben.

Die Brille finden

Wo steckt sie bloß? Sogar auf der Nase haben wir die Brille schon gesucht, ohne Erfolg. Um verlegte Sachen wiederzufinden, müssen wir gar keine neue Lernmethode hinzuziehen.

„Bei der verschwundenen Brille oder dem versteckten Portmonee handelt es sich nicht um ein Gedächtnis-, sondern um ein Bewusstseinsproblem“, sagt der Mann, der selbst eine markante Brille trägt, die er aber nie sucht. Um vorzubeugen, helfe nur eines: Die Dinge bewusst zu erledigen. Mit einem klaren Kopf etwas in die Schublade legen oder ins Handschuhfach, dann speichere das Gehirn die Aktion besser ab und stelle sie bei Bedarf wieder zur Verfügung.

Das Alter und die grauen Zellen

Wir werden immer älter. Genießen können wir das Leben, wenn unser Körper fit ist und auch unser Köpfchen. Leider ist aber auch das eine Folge des Alterns der Gesellschaft: In Deutschland leben rund 1,5 Millionen Menschen mit Demenz, einer Krankheit, die auf eine Reise ins Vergessen führt. Nach Angaben der Alzheimer-Gesellschaft sind die Möglichkeiten, das Gedächtnis aufzubauen, stark eingeschränkt, wenn die Krankheit fortgeschritten ist. Doch wer sein Gedächtnis rechtzeitig fit hält, kann der Vergesslichkeit vorbeugen. Bloß wie?

Kreuzworträtsel oder anderes Gehirnjogging als Gedächtnistraining einzusetzen, hält Oliver Geisselhart für „besser als nichts, aber leider wird dabei bloß vorhandenes Wissen abgefragt“. Effektiver sei, etwas Neues zu lernen. Eine Fremdsprache beispielsweise. So werden die grauen Zellen stärker angekurbelt, „das Hirn braucht solche Herausforderungen“.

Der Experte rät älteren Menschen zu einem Fitness-Training für Körper und Geist, das aus drei Teilen bestehen könnte: Tanzen, Kaffeekränzchen und Fremdsprache lernen. Das Tanzen, um neue Schritte zu üben und die Koordination zu schulen, Kaffeekränzchen, um sich angeregt zu unterhalten, eine Fremdsprache, um den Kopf anzustrengen.

Vokabeltraining leicht gemacht

Das Spezialgebiet von einigen Menschen, die sich Gedächtnissportler nennen. „Sehr gut geübte Talente lernen 200 Vokabeln pro Stunde“, sagt Geisselhart. Aber auch Normalos könnten es auf 100 bringen – das wäre der Traum jedes Englisch- oder Französisch-geplagten Schülers.

Die Methode funktioniert so ähnlich wie der Trick mit dem Namenmerken: „Jede Vokabel wird in der Lautsprache verbildert, Bilder werden verknüpft.“ Ein Beispiel: „cubare“, Lateinisch für „liegen“. Wir könnten uns eine Kuh auf einer Bahre liegend vorstellen. „Ein lustiges Bild. Und lustige Bilder prägen wir uns besser ein“, weiß der Experte. Ein anderes Beispiel wäre „livre“, Französisch für Buch. „Es hört sich an wie liefre, liefern auf Schwäbisch. Hier würde ich mir in Gedanken ein Buch liefern lassen.“