Wie NRW gegen gefährliche Keime in Krankenhäusern kämpft

NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens: "Das Risiko, sich Keime einzufangen, existiert überall".
NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens: "Das Risiko, sich Keime einzufangen, existiert überall".
Foto: Tim Schulz/WAZ FotoPool
Infektionen mit multiresistenten Keimen wie MRSA und VRE können lebensgefährlich sein. 30 Prozent aller Krankenhaus-Infektionen sollen vermeidbar sein, sagt NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne). Sie setzt nun auf ein neues Fehlermeldesystem für Kliniken - und auf den Bund.

Essen.. Mangelnde Hygiene im Krankenhaus führt zu immer neuen Infektionen mit multiresistenten Keimen wie MRSA oder VRE. Was tut das Land dagegen? Walter Bau, Florian Bickmeyer und Klaus Brandt sprachen mit der nordrhein-westfälischen Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne).

Wie groß ist das Risiko, sich im Krankenhaus einen Keim einzufangen und deshalb kränker herauszukommen als rein?

Barbara Steffens: Das Risiko, sich Keime einzufangen, existiert überall. Auch multiresistente Keime – nicht nur MRSA – haben wir überall. Bei Menschen mit geschwächtem Immunsystem ist das Risiko höher als bei fitten.

Experten sprechen von rund 500.000 Krankenhausinfektionen im Jahr – und von 20.000 Opfern.

Steffens: Aber damit jetzt niemand Panik kriegt im Sinne von „ich komme ins Krankenhaus und sterbe an fremden Keimen“: Viele dieser Menschen bekommen, weil sie bereits schwer krank sind, eine Infektion durch körpereigene Keime, nicht durch fremde.

Wie viele Krankenhausinfektionen sind vermeidbar?

Steffens: In der Fachwelt gelten 30 Prozent als vermeidbar.

Ist Hygiene im Krankenhaus Luxus?

Steffens: Nein, aber wenn ein Patient aus dem Bett gefallen ist und es klingelt: Desinfiziert sich die Pflegekraft dann vorher noch die Hände? Man muss den Stress dabei berücksichtigen. Versäumnisse entstehen auch durch Zeit- und Kostendruck. Da muss die Bundesregierung aktiv werden.

Warum das Gesundheitssystem manchmal tödlich wirkt

Warum wirkt Gesundheitspolitik manchmal tödlich?

Steffens: Nicht die Politik, das System. Wo Menschen unter besonderem Stress arbeiten, steigt die Fehlergefahr. Sie muss minimiert werden. Früher hatte das Gesundheitssystem keine so guten Instrumente, um Fehlerquellen zu identifizieren und Abläufe zu optimieren. Deshalb gibt es nun beispielsweise CIRS, ein anonymes Fehlermeldesystem für alle Beschäftigten im Gesundheitswesen, um gegenseitig aus Fehlern zu lernen

Außerdem haben wir in NRW die Landesgesundheitskonferenz, in der alle Akteure des Gesundheitswesens bundesweit beachtete Schwerpunktmaßnahmen zur Vermeidung von Fehlmedikationen und zur Reduzierung von Infektionen in Krankenhäusern eingeleitet haben.

Bei einem Keimausbruch im Krankenhaus wird in den Niederlanden öffentlich gewarnt. Bei uns erfahren es die Patienten nicht. Wird hier die Sorge um die Wirtschaftlichkeit des Hauses über das Wohl der Patienten gestellt?

Steffens: Wenn wir eine Veröffentlichungspflicht haben wollen, müssen wir darüber bundesweit diskutieren. Die zentrale Frage ist: Wie bekommen wir eine Transparenz hin, die den Menschen wirklich hilft? Darauf habe ich noch keine zufriedenstellende Antwort.

Infektionszahlen sagen nichts über die Hygiene im Krankenhaus aus?

Steffens: Wenn ein Krankenhaus viele Patienten hat, die mit einem Infekt reinkommen, sagt das nichts über das Risiko für andere aus. Wenn alle Hygienestandards eingehalten werden, ist das Infektionsrisiko geringer als in einer Klinik, die weniger Fälle hat, aber nicht diesen Standard. Auf das Management des Problems kommt es an.

Warum testen wir nicht alle Patienten auf Keime?

Steffens: Wenn Krankenhäuser das bezahlt bekommen, kann man ein generelles Screening machen. Diesen Diskurs muss der Bund führen. Wissenschaftlicher Standard ist derzeit, alle Risikopatienten zu testen.

Brauchen wir erweiterte Meldepflichten?

Steffens: Das Wichtigste sind konkrete Verbesserungen für die Menschen.

Sind Sie für ein flächendeckendes MRSA-Screening?

Steffens: Ich fände gut, wenn es bezahlt würde. Das allein reicht aber nicht. Wir brauchen ein sinnvolles Gesamtpaket. Hier ist der Bund gefordert.

 
 

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