Wie Kindern die Angst vor dem Arzt genommen wird

Tapferes Mädchen: Es hat keine Angst vor der Frau im weißen Kittel.
Tapferes Mädchen: Es hat keine Angst vor der Frau im weißen Kittel.
Foto: Imago
Viele Kinder haben Angst, wenn sie in eine Arztpraxis müssen. Am meisten fürchten sie sich vor der Spritze. Ein Mutmachbuch und Tipps von Experten helfen gegen die Furcht vor dem Mann oder Frau im weißen Kittel. Ärzte sagen: Eltern sollten ihre Kinder besser auf den Arztbesuch vorbereiten.

Essen/Düsseldorf. „Hallo! Du brauchst keine Angst vor dem Arzt haben, der Arzt beißt nicht. Der hat nämlich schon gegessen.“ Mit diesem Brieflein an einen unbekannten kleinen Patienten, geschrieben von den Schülern der Offenen Ganztagsschule an der Falkenstraße in Erkrath, beginnt das „Mutmachbuch für Krankenhaus und Arztpraxis“ der Ärztekammer Nordrhein. Der Düsseldorfer Kinderkardiologe Dr. Hermann-Josef Kahl und Buchautor Dr. med. Kinderdok erklären, wie eine Untersuchung möglichst ohne Gebrüll ablaufen kann.

Woher die Furcht kommt

„Stellen Sie sich mal vor, Ihr Mann würde Sie ins Auto packen, zu einem großen Haus fahren, das Sie nicht kennen, dort rausholen, in Räume schleifen, die Sie noch nie gesehen haben, und zu einem Menschen, den Sie noch nie gesehen haben. Dann hält Sie Ihr Mann im Schraubstockgriff und Ihnen wird . . . sagen wir mal. . . ein Zahn gezogen. Und da hätten Sie immerhin noch den Vorteil gehabt, das Arztschild an der Eingangstür lesen zu können.“ Mit diesem Vergleich erklärt der Buchautor mit dem Pseudonym Dr. med. Kinderdok einer Mutter, weshalb ihr Sohn in der Arztpraxis immer zu schreien anfängt. Sie hat dem Dreijährigen nämlich noch nie erklärt, was dort geschieht – mit der Begründung: „Das kapiert der doch nicht.“ Dr. med. Kinderdok entgegnet: „Er ist immerhin schon drei Jahre alt. Der versteht doch auch, wenn Sie ihm heute erzählen, dass Sie morgen in den Zoo gehen oder die Oma besuchen.“

Die bedrohliche fremde Person

Kinderkardiologe Hermann-Josef Kahl weiß: „Der Arzt ist für das Kind eine fremde Person, die ihm sehr nahe kommt. Da ist die Abwehrreaktion ganz normal. Säuglinge fangen an zu weinen, weil sie den Fremdkontakt als Bedrohung empfinden.“ So sehen das auch die Autoren des Mutmachbuchs der Ärztekammer Nordrhein: „Angst hat den Menschen schon vor Urzeiten vor Gefahren geschützt. Bei Angst schlägt zum Beispiel das Herz schneller, die Muskeln werden besser durchblutet und die Bronchien erweitern sich. Der Körper reagiert zu unserem Schutz, um sich in einer Gefahrensituation etwa auf eine Flucht vorzubereiten“, heißt es darin in kindgerechter Sprache.

Eine andere Einstellung gewinnen

Kinder, deren Eltern mit ihnen über den Arztbesuch gesprochen und Bilderbücher dazu angeschaut haben – etwa „Leo Lausemaus will nicht zum Arzt“ von Marco Campanella – haben nach Erfahrung von Kinderarzt Hermann-Josef Kahl eine andere Einstellung. „Sie sind vorbereitet, kennen den Ablauf und fühlen sich nicht überrumpelt. Dadurch können sie schneller beruhigt werden.“ Offenheit und Transparenz seien die richtigen Strategien in diesen Situationen, die im Idealfall das Bindungsgefühl zwischen Eltern und Kind stärken. „Mutter oder Vater müssen das Kind ihren Schutz spüren lassen. Sie sollten ihm sagen, dass sie dabei sind und ihm nichts passieren kann.“

Mit eigenen Ängsten umgehen

Wenn eine schwierige Untersuchung – etwa am Herzen – ansteht, müssen Ängste manchmal auch zusammen bewältigt werden. Denn die Eltern fürchten sich in solchen Fällen ja auch, und Kinder spüren das. „Wenn ihnen erklärt wird: ,Wir stehen das gemeinsam durch‘, ist das sehr hilfreich“, sagt Kinderarzt Kahl. Chronisch kranke Kinder gewinnen nach seinen Worten mit der Zeit eine lockere Einstellung gegenüber den häufigen Arztbesuchen und können dabei helfen, ihre gesunden Geschwister zu beruhigen.

Besonders schlimm: die Spritze

„Am meisten Angst haben Kinder vor der Spritze“, erklärt Kahl. Selbst Schüler fürchten sich bei jedem Besuch in der Praxis davor – auch wenn nur eine normale Untersuchung bevorsteht. „Auf keinen Fall sollten die Kinder in Panik geraten“, erklärt der Experte. „Es gilt, sie auf den Schoß zu nehmen und ruhig zu sagen: Alle fürchten sich vor einer Spritze. Aber das geht schnell vorbei und macht keine großen Schmerzen.“ Er selbst zeigt seinen kleinen Patienten die Spritze erst im letzten Moment und spricht vor der Impfung nicht viel darüber, sondern erwähnt nur den „winzigen Piks“, den er dann möglichst schnell gibt.

Pflaster statt Psychologie

Ein Arztbesuch sollte möglichst normal erscheinen. Deshalb rät Mediziner Hermann-Josef Kahl davon ab, einen Kinderpsychologen einzuschalten. In besonders schwierigen Fällen nimmt er ein Emla-Pflaster zur Hand, das den Schmerz an der Stelle ausschalten soll, wo die Spritze angesetzt wird. Das Pflaster enthält ein Lokalanästhetikum, das laut Kahl aber nicht allzu intensiv wirkt. Wichtiger sei der beruhigende Effekt – frei nach dem Motto: Wenn das Pflaster gewirkt hat, kann’s nicht mehr weh tun.

Ablenken hilft

Für den Erfolg der Behandlung ist es wichtig, dass Kindern ihre Angst genommen wird. Sabine Schindler-Marlow von der Ärztekammer Nordrhein: „Es ist belegt, dass die Angst für Kinder und alle anderen Beteiligten großen Stress auslöst und sich negativ auf die medizinische Intervention auswirken kann.“ Laut einer Studie gelte Ablenkung als entscheidender Faktor zur Schmerzverringerung und damit auch zur Entschärfung der Situation.

Humor hilft weiter – so steht es auch im Mutmachbuch der Ärztekammer: „Während des Lachens entwickelt unser Körper Glückshormone.“ So könne er keine Stresshormone ausschütten. „Ebenfalls hilft Lachen dabei, dass sich die durch Angst verkrampften Muskeln wieder lockern und entspannen.“ In diesem Sinne hier der passende Witz zum Weitererzählen: In der Schule wird geimpft. Nach der Impfung fragt der Schularzt den Hansi: „Na, weißt du noch, wogegen ich dich geimpft habe?“ Meint Hansi: „Klar, gegen meinen Willen!“

Das Buch

Grundschulkinder im Rheinland haben sich an einem Autorenwettbewerb der Ärztekammer Nordrhein und der AOK Rheinland/Hamburg zum Thema „Angst und Mut“ beim Arztbesuch beteiligt. Aus den Beiträgen ist ein „Mutmachbuch“ entstanden, das in den Warteräumen von rheinischen Arztpraxen und Krankenhäusern ausliegt. Es kann unter www.gesundmachtschule.de gratis heruntergeladen werden.

 
 

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