Wichtige Erkenntnisse über Parkinson

Jahrelang wurde an der Ursache von Parkinson geforscht. Wissenschaftler sind jetzt einen Schritt weiter. Vielleicht können bald Medikamente gegen die Erkrankung eingesetzt werden. (Bild: Imago)
Jahrelang wurde an der Ursache von Parkinson geforscht. Wissenschaftler sind jetzt einen Schritt weiter. Vielleicht können bald Medikamente gegen die Erkrankung eingesetzt werden. (Bild: Imago)
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Washington. Steife Muskeln und unkontrolliertes Zittern – Parkinson schränkt Betroffene oft erheblich ein. Bisher kann die Erkrankung nicht erfolgreich behandelt werden. Jetzt machen neue Forschungsergebnisse Mut.

Allein in Deutschland leiden bis zu 400.000 Menschen an Morbus Parkinson. Sie verlieren allmählich jene Nervenzellen, die den Botenstoff Dopamin produzieren. Als Folge leiden sie zunehmend an Bewegungsstörungen wie etwa Zittern oder steife Glieder. Medikamente lindern zwar manche Symptome, können den Verfall aber nicht stoppen.

Ursache könnte eine Energiekrise im Hirn sein

Die Theorie mag zunächst verwegen klingen: Eine Energiekrise im Gehirn könnte jenes verhängnisvolle Absterben von Nervenzellen einleiten, das schließlich in die Parkinson-Krankheit mündet. Diese überraschende Erklärung liefert eine US-Studie für die Ursache der neurodegenerativen Erkrankung. „Das ist eine äußerst wichtige und interessante Beobachtung, die neue therapeutische Ziele eröffnet“, sagt der Neurologe Flint Beal von der Cornell Universität in New York. Sollte sich der Verdacht erhärten, könnte ein Energieschub für die Hirnzellen das bislang unaufhaltsame Fortschreiten der Erkrankung bremsen oder sogar stoppen. Ein möglicher Wirkstoff dafür stünde schon zur Verfügung.

Denn die eigentliche Ursache des rätselhaften Zellschwunds kennt bislang niemand. Um dies zu ermitteln, analysierten Mediziner um Clemens Scherzer von der Universität Harvard 300 Proben von Hirngewebe - sowohl von Parkinson-Patienten als auch von gesunden Menschen. Ihr Augenmerk richteten die Forscher auf die Dopamin-produzierenden Neuronen in der am stärksten betroffenen Hirnregion, der Substantia nigra. In genau diesen Zellen prüften sie die Aktivität der Gene.

Bestimmte Gene sind passiv

Bei den Parkinson-Patienten waren zehn Gengruppen ungewöhnlich träge, so Scherzer. Sämtliche Erbanlagen sind an der Energieproduktion der Mitochondrien beteiligt, den winzigen Zellkraftwerken. Besonders auffällig: Passiv waren die Gene auch bei jenen Patienten, bei denen die beginnende Parkinson-Erkrankung zwar noch keine Symptome verursacht, aber schon erkennbare Hirnschäden angerichtet hatte.

Kontrolliert werden sämtliche Gengruppen durch einen Hauptregler: Das Gen PGC-1alpha hält die Mitochondrien am Laufen. Könnte also eine Stimulierung dieses Schalters die trägen Mitochondrien-Gene ankurbeln und so die Energiemenge steigern? Dies testeten die Forscher an Ratten. Die Tiere wurden so behandelt, dass eigentlich Parkinson-artige Hirnschädigungen entstehen mussten. Aber die Aktivierung des Hauptreglers verhinderte bei den Ratten solche Probleme.

Mitochondrien scheinbar an der Parkinson-Entstehung beteiligt

Schlagartig erkläre die Genanalyse viele Hinweise, die schon früher auf eine Beteiligung der Mitochondrien hindeuteten, sagt Timothy Greenamyre von der Universität Pittsburgh. So beruht eine seltene erbliche Form von Parkinson auf einer Genmutation, die auch die Zellkraftwerke beeinflusst. Und das Pflanzenschutzmittel Rotenon, das bei Tieren Parkinson-ähnliche Symptome hervorruft und die Dopamin-produzierenden Hirnzellen schädigt, greift ebenfalls die Mitochondrien an. Das gleiche gilt für die Parkinson auslösende Chemikalie MPTP. Angesichts der neuen Erkenntnisse werde es für Skeptiker immer schwieriger, „Mitochondrien-Probleme lediglich als Begleiterscheinung oder Folgeschaden der Parkinson-Krankheit abzutun“, glaubt Greenamyre.

Studien deuten sogar darauf hin, dass die kleinen Kraftwerke noch an weiteren neurodegenerativen Hirnerkrankungen beteiligt sind. Kein Wunder, denn Hirnzellen sind wahre Energiefresser mit einem schier unersättlichen Appetit. Sie stellen nur zwei Prozent der Körpermasse, verbrauchen aber 20 Prozent der Kalorien. Somit könnte eine plötzliche Energiekrise drastische Konsequenzen haben, auch wenn diese erst Jahre später zutage treten. „Das könnte eine Hauptursache von Parkinson sein“, sagt Studienleiter Scherzer.

Neue Therapien möglich

Schon binnen kurzer Zeit könnte die Entdeckung neue therapeutische Optionen eröffnen. Das bereits zugelassene Diabetesmedikament Actos zählt zu einer Reihe von Stoffen, die einen Teil des PGC-1alpha-Signalwegs aktivieren. Den Nutzen des Präparats untersuchen Mediziner nun in einer Pilotstudie an Parkinson-Patienten. Und auch der Nährstoff Coenzym Q10 steht im Ruf, die Energieproduktion der Mitochondrien anzukurbeln. Beal prüft derzeit, ob das Präparat in hoher Dosierung gegen Parkinson hilft. Resultate erwartet er allerdings erst im Jahr 2012.

Grundsätzlich dämpft Scherzer Hoffnungen auf ein Wundermittel: Denn zum Zeitpunkt der Parkinson-Diagnose haben die Patienten schon durchschnittlich 70 Prozent ihrer Dopamin-produzierenden Nervenzellen eingebüßt. Selbst wenn die Behebung der Energiedürre ihnen helfen sollte - damit Patienten davon richtig profitieren, müssten Mediziner schon einen Weg finden, die Krankheit früher festzustellen, betont er: „Ich glaube nicht, dass man die Uhr wieder zurückdrehen kann.“ (dapd)

 
 

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