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Warum Killerviren aus dem Labor zum Albtraum werden können

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Foto: Christian Charisius/dpa
Gefährliche Krankheitserreger könnten zur Terror-Waffe werden. Der Deutsche Ethikrat warnt vor Missbrauch in der Bioforschung und fordert von der Bundesregierung gesetzliche Regelungen. Anlass zu der Stellungnahme war die Erzeugung von Killerviren in einem niederländischen Labor.

Essen. 

Es ist ein Szenario wie aus einem Horrorfilm: Ein von Menschen im Labor erschaffenes Killervirus, tödlich und hoch ansteckend, gelangt in die Freiheit. Binnen Wochen werden Tausende Menschen angesteckt, eine Pandemie mit Millionen Toten ist die Folge. Nicht auszudenken, wenn der Bauplan für ein solches Supervirus in die Hände von Terroristen gelangte. Sie könnten damit die Welt erpressen.

Weltweit experimentieren Wissenschaftler mit gefährlichen Viren. Diese Arbeiten sind notwendig, um die Erreger zu erforschen und Impfstoffe zu entwickeln. Sie kann aber in den falschen Händen extremen Schaden anrichten. Wissenschaftler sprechen in solchen Fällen von „Dual Use“-Forschung – die also zum Wohle oder zum Schaden des Menschen einsetzbar ist.

Bislang keine Gesetze

Bislang gibt es in Deutschland keine Gesetze, die den Umgang damit eindeutig regeln. Der Deutsche Ethikrat hat jetzt in Berlin Richtlinien vorgestellt, die die Bevölkerung vor Missbrauch schützen sollen. Konkret soll der Bundestag ein Gesetz beschließen, das genau festlegt, welche Forschungsvorhaben die Biosicherheit gefährden.

So sollen Wissenschaftler verpflichtet werden, riskante Projekte einer neuen, zentralen Kommission vorzulegen. Die Experten sollen die geplanten Projekte prüfen und im Zweifelsfall ablehnen. Zwar könne kein rechtskräftiges Verbot ausgesprochen werden, „doch wir gehen davon aus, dass die faktische Bindungswirkung des Votums stark ist“, sagte Silja Vöneky vom Ethikrat. Würden sich Wissenschaftler dem widersetzen, gingen sie große Haftungsrisiken ein, falls bei ihrem Projekt etwas schief gehen sollte. Auch das Ende der öffentlichen Finanzierung bedeute in vielen Fällen das Aus für riskante Forschungsarbeiten. Zudem soll sich die Bundesregierung in der Europäischen Union und auch weltweit für vergleichbare Sicherheits-Standards einsetzen.

Forscher erschuf das Supervirus

Dass sich der Ethikrat im Auftrag der Bundesregierung zwei Jahre lang mit dem Thema Biosicherheit befasste, hatte einen konkreten Anlass: Ron Fouchier hatte 2011 in seinem Labor tatsächlich ein Killervirus erzeugt. Der Forscher vom Erasmus Medical Center in Rotterdam wollte wissen, welche genetischen Veränderungen nötig sind, damit ein Erreger auf dem Luftweg übertragen werden kann – das schlimmste Szenario. Ergebnis: nicht sehr viele. Fouchiers Team veränderte das Erbgut des Vogelgrippe-Virus H5N1 und testete jede Variante an Frettchen, deren Atemwege denen des Menschen ähneln. Eines Tages waren die meisten Tiere in seinem Labor krank oder tot – das Virus hatte begonnen, von Käfig zu Käfig zu springen. Fouchier hatte das Supervirus erfunden.

Als er am 12. September 2011 bei einer Fachkonferenz in Malta seine Ergebnisse präsentierte, fielen die Kollegen fast vom Stuhl. Sofort begann eine hitzige Debatte über die Konsequenzen der Arbeit, über die Forschungsfreiheit und den Schutz der Bevölkerung, die bis heute anhält. Aus Angst, die Untersuchung könne Bioterroristen eine tödliche Waffe liefern forderten die USA, die Studie geheim zu halten. Der Druck wurde so groß, dass Fouchier und andere Forscher ihre Arbeiten ein Jahr auf Eis legten.

Trotz der Gefahr, die von einem mutierten Virus ausgeht und der Möglichkeit des Missbrauchs müsse die Forschung fortgesetzt werden, um antivirale Medikamente und Impfstoffe zu entwickeln, sagte Prof. Stephan Ludwig, Virologe an der Uni Münster. „Was im Labor gemacht wurde, kann in der Natur jeden Tag passieren.“