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Vergesslichkeit ist nicht immer ein Anzeichen für Demenz

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Alzheimer beginnt schleichend und ist unheilbar. Warum die Früherkennung so wichtig ist und ob sich auch gesunde Menschen testen lassen sollten.

Berlin. 

Mehr als 1,5 Millionen Menschen in Deutschland leben mit Demenz. Über 60 Prozent davon leiden an einer Demenz vom Typ Alzheimer. Meist sind die Betroffenen älter als 75 Jahre. Sofern kein Durchbruch in der Therapie gelingt, wird ihre Zahl bis 2050 auf drei Millionen ansteigen. Alzheimer ist nicht heilbar, Experten raten trotzdem zu einer frühen Diagnose.

Wie bewerten Fachleute die Vorsorgeuntersuchung via Magnetresonanztomographie (MRT) oder Gentest?

Die Untersuchungen werden von der Krankenkasse nicht bezahlt, sie können mehrere Hundert Euro kosten. Der Medizinische Dienst der Krankenkassen bewertet das MRT zur Früherkennung von schrumpfenden Hirnarealen als „tendenziell negativ“. Auch die Deutsche Alzheimer Gesellschaft hält nichts davon, gesunde Menschen auf die Krankheit zu testen. Synan Al-Hashimy, Chefarzt des Alzheimer Therapiezentrums Ratzeburg, sagt: „Es gibt keinen Test, der sichere Aussagen liefert, ob Menschen dement werden. Ich rate von diesen Dingen ab“.

Warum ist eine frühe Diagnose überhaupt so wichtig?

„Demenz ist ein schleichender Prozess, der über Jahre zunimmt“, sagt Al-Hashimy. In der ersten Phase einer Alzheimer-Demenz können Medikamente das Fortschreiten der Krankheit verzögern. „Es gibt vier Antidementiva, die das Ausmaß einer Demenz hinauszögern, wenn sie anschlagen“, sagt Al-Hashimy. Einen ähnlichen Effekt habe eine von der Universität Erlangen entwickelte MAKS-Therapie, die sehr regelmäßige Bewegung, Gedächtnistraining und Ergotherapie beinhalte. Studien hätten bewiesen, dass MAKS hilft, Fähigkeiten zu erhalten.

„Wir empfehlen die frühe Diagnose vor allem aus Gründen der Selbstbestimmung“, sagt Susanna Saxl, Sozialpädagogin bei der Deutschen Alzheimer Gesellschaft. Die Betroffenen sollten Gelegenheit haben, ihr Leben so lange zu gestalten, wie sie dazu in der Lage seien. Dabei gehe es nicht nur um Testamente oder Vorsorgeverfügungen. Saxl: „Menschen können Dinge tun, die sie unbedingt noch tun wollen. Ich kenne einen Mann, der nach der Diagnose angefangen hat, Theater zu spielen. Vorher hatte er nie den Mut dazu.“

Wie läuft eine Untersuchung ab?

„Der erste Weg sollte zum Hausarzt führen“, sagt Susanna Saxl. Der könne prüfen, ob es Anhaltspunkte für eine Demenzerkrankung gibt. Das geschieht mithilfe des sogenannten Mini-Mental Status-Tests, der zehn bis 15 Minuten dauert. Anschließend kann der Hausarzt an einen Neurologen oder Psychiater überweisen, um eine Magnetresonanz-, Computertomographie (MRT/CT), Bluttests oder eine Untersuchung der Hirnrückenmarkflüssigkeit in die Wege zu leiten. Saxl: „Werden alle diagnostischen Methoden angewandt, gibt es eine 95-prozentige Sicherheit, ob eine Demenz vorliegt.“

Nicht jede Vergesslichkeit muss auf Demenz hindeuten. Wo liegen die Unterschiede?

50 Prozent der Menschen, die sich in einer der 175 deutschen Gedächtnisambulanzen testen lassen, haben Angaben der Deutschen Alzheimer Gesellschaft zufolge keine Demenz. Ihr Gedächtnis ist aufgrund psychischer Belastungen oder einer Depression beeinträchtigt. „Auch eine Schilddrüsenunterfunktion, ein hoher Blutzuckerspiegel, Flüssigkeits- oder Vitamin B-Mangel können zu Beeinträchtigungen führen“, sagt Syhan Al-Hashimy. Darüber hinaus gebe es eine normale Form der Altersvergesslichkeit. Wenn Menschen Namen oder Worte mal nicht einfallen, müsse das nicht beunruhigen. Kritisch werde es aber, wenn sich die Persönlichkeit verändere, Erlebtes komplett aus dem Gedächtnis verschwinde oder die Kaffeemaschine nicht mehr bedient werden kann. Generell gilt: Das Risiko einer Erkrankung steigt mit dem Alter rasant an. Während 40 Prozent der Betroffenen über 90 Jahre alt sind, gibt es nur 24 000 Patienten in Deutschland, die jünger sind als 65.

Was sollten Angehörige oder Freunde tun, die eine Demenz-Diagnose bei Menschen befürchten?

Die Alzheimer Gesellschaft rät dazu, sich von einer Selbsthilfegruppe oder an einem Infotelefon eine Einschätzung geben zu lassen. Gibt es Hinweise auf eine Erkrankung, sollten Angehörige oder Freunde Betroffene nicht unbedingt direkt darauf ansprechen, weil diese häufig mit Rückzug reagierten. „Es braucht Überredungskunst, keine Vorwürfe“, sagt Susanna Saxl. Mitunter helfe auch ein Trick: den Hausarzt ins Bild zu setzen und diesen bitten, den Betroffenen einzuladen. „Der Arzt ist für viele Ältere eine Autorität“, so Saxl. Sayhin Al-Hashimy rät Partnern, ihre Sorgen offen auszusprechen und darum zu bitten, den Schritt auch für den Partner zu tun, „das funktioniert sehr häufig“.

Was ist zu tun, wenn sich Angehörige auf keinen Fall untersuchen lassen wollen?

„Es gibt auch ein Recht auf Nichtwissen oder Verdrängen, das muss man akzeptieren“, sagt Susanna Saxl. Das soziale Umfeld sollte sich aber schnell beraten und beraten lassen. „Es ist wichtig, sich der Herausforderung zu stellen.“ Und davon auszugehen, dass der Demenz-Fall eintreten kann. „Pflegende Angehörige von Dementen sind Studien zufolge oft überlastet, sie haben eine um 63 Prozent höhere Sterberate“, sagt Al-Hashimy. Er rät, frühzeitig die Pflege zu organisieren und dabei auch die eigenen Bedürfnisse zu berücksichtigen.