Vegan essen - Ein Leben ohne tierische Produkte

Immer mehr Menschen im Ruhrgebiet verzichten bei ihrer Ernährung auf tierische Produkte.
Immer mehr Menschen im Ruhrgebiet verzichten bei ihrer Ernährung auf tierische Produkte.
Bei der Ernährung gänzlich auf tierische Produkte zu verzichten ist für viele Leute undenkbar. Und doch erlebt die vegane Szene im Ruhrgebiet eine zunehmende Akzeptanz. Während immer mehr Soja-Produkte den Weg in die Supermarktregale finden, setzen auch einige Restaurants auf die alternative Küche.

Dortmund/Duisburg. Richtig lecker schlemmen, das funktioniert auch ohne tierische Lebensmittel – Cafés und Restaurants mit veganer Speisekarte, Supermärkte mit pflanzlichem Sortiment und öffentliche Brunch-Events tierlieber Hobbyköche zeigen, wie präsent der Veganismus im Revier geworden ist.

Mit einem Eislöffel rollt der Typ mit der schwarzen Kappe die cremige Masse zu einer Kugel und legt sie in das heiße Waffeleisen. Klappe zu, warten. Es duftet, wie nur Belgische Waffeln duften können. Holger „Maulwurf“ Mauermann serviert das süße Backwerk im Minutentakt und schlägt zur Krönung noch seine selbst gemachte „Raffaelo- Crème mit Kokos-Mandel“ oben drauf. „50 Prozent Fett hat die, ist also nicht ganz ohne“, sagt Holger und verrät auch gern, was drin ist: Sojamilch, Pflanzenöl, Kokosfett, Sahnesteif und Zucker.

Wie bitte? Holger Mauermann lebt seit anderthalb Jahren vegan, verzichtet damit nicht nur auf Fleisch, sondern auf alles, was vom Tier kommt. Seine Belgischen Waffeln – ohne Eier, Milch und Butter – backt er beim offenen veganen Brunch in Dortmund, den die Gruppe „VegaDo“ seit anderthalb Jahren jeden dritten Sonntag im Monat im Kulturzentrum „Taranta Babu“ veranstaltet. Jeder kann kommen, ob vegan oder einfach nur neugierig auf veganes Essen und vegane Menschen.

Vegane Lebensweise aus der Spinner-Szene rausholen

ThemenwochenWährend die Organisatoren Brötchen und Kaffee bereit stellen, bringen die Gäste sämtliche Brotaufstriche, Muffins, Pfannkuchen, Salate oder Eintöpfe aus der eigenen Küche mit – das Buffet erstreckt sich über mehrere Tische, die Warteschlange reicht bis zur Eingangstür, durch die immer noch mehr Gäste herein drängen, vorsichtig ihre Schalen und Töpfe und Kuchenplatten balancierend.

Mit rund 80 Leuten vom Kleinkind bis zum Mitsechziger ist das in gelb und orange gestrichene, mit Holztischen und Plüschsofas eingerichtete „Taranta Babu“ rappelvoll, doch die Enge sehen hier alle gelassen: Wer keinen Sitzplatz ergattert, macht es sich auf dem Fußboden bequem oder bleibt gleich mit seinem Frühstücksteller stehen – idealerweise in der Nähe des Buffets, wo man mit anderen netten Menschen ins Gespräch kommen kann. „Wir wollen den Dialog zwischen Veganern und Nicht-Veganern vertiefen und den Veganismus rausholen aus der Spinner- und Freak-Szene“, sagt Holger Mauermann, der Mitglied bei „VegaDo“ ist, gelernter Chemietechniker, vor allem aber leidenschaftlicher Hobbykoch.

Soja-Milchschnitte und "Chili sin carne"

Er experimentiert gern, „veganisiert“ Rezepte und stellt sie auf seiner Homepage (www.maulwurfshuegel-online.de) frei zur Verfügung. Ums Geld verdienen geht es dem 34-Jährigen nicht, er freut sich, wenn jemand seine Kreationen nachkocht und merkt: Vegan kann ja lecker sein. Denn er weiß genau, dass die meisten bei veganer Ernährung nicht unbedingt an leckere Kalorienbomben denken. „Aber das Klischee vom Veganer mit den dünnen Ärmchen und Ringen unter den Augen stimmt halt nicht“, sagt Holger Mauermann.

MagazinDamit der Veganismus in der Gesellschaft Fuß fasst, steht er gerne vier Stunden lang am Brunch-Buffet und garniert Belgische Waffeln mit den köstlichsten Sahne- und Sirup-Kreationen – nicht wenige Bruncher lassen sich Vanille-Heidelbeer- und Schokaholic- Sauce, Zuckersirup aus Hibiskus- und Rosenblüten und einen ordentlichen Schlag Kokoscreme einfach gleichzeitig auf das rechteckige, duftende Backwerk packen. Alles mal probieren – das ist bei diesem Brunch ausdrücklich erwünscht, und wer bei Zupfkuchen oder Soja-Milchschnitte, Nudelsalat oder „Chili sin carne“ auf den Geschmack gekommen ist, kann sich mit anderen Gästen über Zutaten und Zubereitung austauschen und geht am Ende nicht nur mit vollem Magen, sondern auch mit einem Sammelsurium neuer Rezepte nach Hause.

"Vegan Brunch Duisburg" spricht auch Nicht-Veganer an 

Gut 55 Kilometer entfernt, am anderen Ende des Ruhrgebiets, ist mittags um Eins gerade noch ein Kaffee mit Sojamilch zu bekommen, vielleicht ein letztes Brötchen mit Tomaten-Basilikum-Aufstrich oder Marmelade. Ansonsten ist das vegane Brunchbuffet im Kirchencafé der Evangelischen Gemeinde Aldenrade schon ordentlich geplündert, rund 40 Gäste haben sich über Brötchen mit herzhafter oder süßer Creme, Cupcakes mit „Sahne“, mexikanischen Eintopf und Schichtsalat hergemacht – alles liebevoll selbst gemischt, gekocht und gebacken und, genau wie in Dortmund, 100 Prozent vegan.

Kerstin Kraasch sitzt plaudernd an einem der langen, voll besetzten Tische, sie hat den „Vegan Brunch Duisburg“ vor zwei Jahren ins Leben gerufen – damals aber noch als privates „Getogether“ im heimischen Wohnzimmer. „Als ich mich vor drei Jahren entschieden habe, vegan zu leben, haben meine Kinder, damals zehn und zwölf Jahre alt, mitgemacht“, erzählt sie. „Aber sie hatten Zukunftsängste und haben oft gesagt: Wir sind doch zu wenige, was können wir schon ausrichten.“ Das wollte Kerstin Kraasch so nicht stehen lassen.

"Alle sollen sich willkommen fühlen"

Um ihren Kindern Mut zu machen, fragte sie im veganen Online-Forum, ob nicht jemand Lust auf ein gemeinsames Frühstück hätte. 15 Leute fanden die Idee spontan großartig, nach den ersten Treffen merkte die immer größer werdende Gruppe: Wir brauchen einen Raum. Seit Anfang 2011 schlemmen sie nun jeden letzten Samstag im Monat im Kirchencafé – mit dreimal so vielen Teilnehmern, die vom gesamten Niederrhein, aber auch aus Köln, Düsseldorf oder Essen anreisen und gar nicht unbedingt Vollblut-Veganer sein müssen, um hier richtig zu sein. Im Gegenteil, sagt Kerstin Kraasch: „Alle sollen sich willkommen fühlen – wer keine vegane Speise mitbringt, wirft eben fünf Euro in die Spardose.“

Und so kann es vorkommen, dass eine Düsseldorfer Vegetarierin bei Kartoffelsalat ohne Mayonnaise mit einem Freund am Tisch sitzt, der auf alles Tierische verzichtet außer Käse, und direkt daneben eine Gruppe engagierter Veganer aus Dinslaken, die Flyer für ihren „Veggie- Tag“ und andere Projekte in der Heimatstadt verteilen. „Meine Kinder haben jetzt wieder Hoffnung“, sagt Kerstin Kraasch, „weil sie sehen, dass dieser Brunch eine Menge Leute anspricht und viele sogar ihre kleinen Kinder mit hier herbringen.“

Im Alltag hätten es Veganer allerdings nicht immer leicht, sagt sie: „Was fehlt, sind zum Beispiel vegane Bäckereien oder Eisdielen.“ In vielen Cafés fragten Veganer immer noch vergeblich nach Milchalternativen, um mit Freunden einen Latte Macchiato genießen zu können.

Erster veganer Supermarkt Deutschlands in Dortmund 

Dennoch deutet sich im Revier offensichtlich ein Wandel an: Das wachsende Angebot an Sojadrinks und Tofu in Supermärkten und die überall aus dem Boden sprießenden Cafés und Restaurants mit nicht nur vegetarischer, sondern ausdrücklich auch veganer Speisekarte zeigen, dass nach dem Vegetarismus auch der Veganismus langsam „in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist“ - davon ist jedenfalls Kim Kalkowski fest überzeugt.

Die 27-Jährige hat vor knapp sechs Jahren einen Online-Versand für vegane Lebensmittel gestartet und im Februar 2011 in der Dortmunder Innenstadt den ersten veganen Supermarkt Deutschlands eröffnet. Auf fast 100 Quadratmetern gibt es im „Vegilicious Veggie Shop“ rund 2000 verschiedene Produkte – von Fleisch und Wurstalternativen über die ganze Palette an Soja-, Reis- und anderen Getreidedrinks bis hin zu veganer Tiefkühlpizza, Schokolade auf Reismilchbasis oder „tierleidfreier“ Kosmetik.

Vegane Torte, Cookies und Schokoküsse

Hier kaufen Menschen, die sich bewusst für eine vegane Lebensweise entschieden haben und wissen, wie sie sich trotz Verzicht auf Fleisch und Fisch, Eier und Milchprodukte trotzdem gesund und abwechslungsreich ernähren können – aber auch Neugierige, die sich für all die pflanzlichen Lebensmittel interessieren, die ihnen bisher unbekannt waren: Seidentofu? Wie bereitet man den zu? Welcher Käse-Ersatz schmeckt am ehesten wie Gouda? Kann man Hafersahne auch schlagen? „Im Shop gibt es immer jemanden, der solche Fragen beantworten kann“, sagt Kim Kalkowski.

Und wer noch ein gutes Argument braucht, warum Schlemmen und Veganismus sich nicht ausschließen müssen, der kann gegenüber im „Cakes’n’Treats“ an einem der weißen Tische Platz nehmen und ein Stück vegane Torte bestellen. Die backt und dekoriert Kim Kalkowski, die das mit romantischem Charme eingerichtete Café mit den altrosa gestrichenen Wänden zusammen mit ihrem Geschäftspartner Kalle Kalkowski führt, selbst, ebenso wie Cookies, Cupcakes und Schokoküsse, die mit der üppigen Creme und reichlich Schokoglasur gar nicht so aussehen, als hätte man auf Sahne, Eier und Butter verzichtet.

Gäste bestellen auch herzhafte Sachen

Aber Kim Kalkowskis vegane „Saane“ enthält tatsächlich nur hochwertige Pflanzenmargarine, Kokosmilch und Sahnesteif. „Eier kann man beim Backen sowieso meistens weglassen“, erklärt die 27-Jährige. „Und wenn man doch ein Bindemittel braucht, kann man Sojamehl oder Eiersatzpulver nehmen.“ Torten kreiert sie schon seit fünf Jahren, am allerliebsten für Hochzeiten – das hat sie nirgendwo gelernt, sondern sich nach dem „Try-and-error“-Prinzip selbst beigebracht und ihr Hobby damit zum Beruf gemacht.

„Was uns selbst überrascht ist, wie gerne unsere Gäste hier auch herzhafte Sachen wie Cheeseburger oder Bagel bestellen“, erzählt sie weiter. Am Dönertag gingen die fleischlosen Fladenbrottaschen mit mariniertem, gebratenem Trockensoja im Minutentakt über die Ladentheke, nicht selten, dass ein Mannschaftsbus der Polizei vor dem Café parkt und sich die Insassen im „Cakes’n’Treats" ihren Mittagssnack gönnen. „Ich glaube, hätten wir hier ein veganes Fast-Food-Restaurant aufgemacht, wäre der Laden genauso erfolgreich“, sagt Kim Kalkowski. Aber ihre sündhaft süßen Cremetorten, die würden dann wohl nicht nur viele vegane Schlemmerfans vermissen.

Adressen für Veganer 
  • Vegan Brunch Duisburg Jeden letzten Samstag im Monat von 11–15 Uhr Kirchencafé der Ev. Gemeinde Aldenrade Schulstraße 2 47179 Duisburg http://veganbrunchdu.blogspot.com
  • Veganer Brunch in Dortmund Jeden dritten Sonntag im Monat von 11–15 Uhr Kulturzentrum „Taranta Babu“ Humboldtstraße 44 44137 Dortmund www.dortmund-vegan.de
  • Vegilicious Veggie Shop und Cakes’n’Treats Veganer Supermarkt und Café Bissenkamp 11–13 44135 Dortmund www.vegilicious-shop.de; www.cakesntreats.de
  • Blondies Bio-Restaurant mit veganem Angebot Kortumstraße 140 44787 Bochum www.blondies-bochum.de
  • Delicious Bio-vegetarisches Restaurant und Café mit veganem Angebot Holsterhauser Straße 32 45147 Essen
  • Café Ma(h)landers Vegan-vegetarisches Café mit Mittagstisch Forsthausstraße 9 45134 Essen http://cafe.mahlanders.net
  • Zodiac Vegetarisches Restaurant mit kleinem veganen Angebot Witteringstraße 43 45130 Essen www.restaurant-zodiac.de
  • Sattgrün Vegetarisch-veganes Restaurant und Fairtrade Café Graf-Adolf-Platz 6 40213 Düsseldorf http://sattgruen.de
  • Jade-Imbiss Vegetarisch-veganer chinesischer Stehimbiss Dürener Straße 42 40223 Düsseldorf www.jade-imbiss.de
 
 

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