Krank durch Sex – Diese Infektionen werden oft unterschätzt

Syphilis, Tripper, Chlamydien – das sind Krankheiten, über die niemand spricht. Genau deswegen infizieren sich immer häufiger Menschen.

Berlin.  Zum achten Mal jährt sich am Dienstag der „Welttag für sexuelle Gesundheit“. Ins Leben gerufen von der „World Association for Sexual Health“ (WAS), setzen sich Ärzte und Gesundheitsexperten für sexuelle Rechte, aber auch für sexuelle Gesundheit ein.

Insbesondere Mediziner warnen, dass Menschen in Deutschland immer noch zu wenig über sexuell übertragbare Infektionen wie Tripper oder Chlamydien wissen. Laut einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) wissen zum Beispiel nur 14 Prozent der Deutschen was Chlamydien sind.

Durch dieses Unwissen verbreiten sich Erreger wie „Kettenbriefe“, sagt Professor Norbert Brockmeyer, Abteilungsleiter am Zentrum für Sexuelle Gesundheit und Medizin an der Ruhr-Universität Bochum. Es gebe noch viel Nachholbedarf bei der Aufklärung.

Die wichtigsten Fragen beantworten wir hier:

Was sind sexuell übertragbare Krankheiten?

Zuerst muss unterschieden werden zwischen STI (Sexual Transmitted Infections), also sexuell übertragbare Infektionen und STD (Sexual Transmitted Desease), sexuell übertragbaren Krankheiten.

Eine Infektion bezeichnet die Übertragung von Erregern, das heißt, man ist zu diesem Zeitpunkt eigentlich noch gar nicht wirklich krank, aber infiziert. „Neben der regulären Inkubationszeit, also der Zeit in der die Infektion sich im Körper festsetzt, treten keine Symptome auf. Selbst danach sind die Symptome oft nicht greifbar. Das ist der wichtigste Unterschied zu Krankheiten“, sagt Brockmeyer, der auch Präsident der Deutschen STI-Gesellschaft ist.

Gerade bei einer der weit verbreiteten STI durch Chlamydien treten oft über Jahre keine Symptome auf. „Sie haben die Erreger, sie können diese auch weitergeben, aber bemerken muss man sie nicht unbedingt“, sagt der Experte.

Wo liegt die große Gefahr bei sexuell übertragbaren Krankheiten?

Die große Gefahr liegt im Zusammenspiel der Infektionen, weil bestimmte Zellen durch den Erregerbefall bereits stimuliert wurden – und so empfänglicher für Infektionen anderer Erreger sind, weil diese dann besser in die Zelle eindringen können. Das gilt zum Beispiel für HIV, aber auch für „harmlosere“ Infektionen wie Chlamydien.

Brockmeyer beschreibt das so: „Das ist gewissermaßen wie ein Ping-Pong-Spiel der einzelnen Infektionen – sie spielen sich den Ball zu“.

Das gleiche gelte auch für die Entwicklung von Tumoren, die durch den Befall von HPV (humane Papillomaviren) ausgelöst werden können. Fast jeder von uns hatte schon einmal eine Infektion durch humane Papillomaviren, erklärt der Experte. Auch mit Typen, die Warzen im Genitalbereich oder eben auch Tumore auslösen können.

Welche Krankheiten kommen häufig vor?

Die häufigsten STI sind Chlamydien und HPV. Ebenfalls häufig sind Tripper (Gonorrhoe) und Syphilis. Außerdem gibt es in Deutschland momentan circa 3100 HIV-Neuinfektion im Jahr und seit einigen Jahren eine deutliche Zunahme von Mycoplasma genitalium Infektionen.

Mycoplasma genitalium ist eine noch relativ unerforschte Geschlechtskrankheit, die sich bei Männern zum Beispiel durch eine schmerzhafte Harnröhrenentzündung äußern kann, bei Frauen in vergleichbarer Form auftritt, zudem aber durch eine Entzündung der Eileiter und Gebärmutter zu Unfruchtbarkeit führen kann.

Wie viele Leute unter welcher Infektion oder dadurch bedingte Krankheit leiden, ist schwer zu sagen. In Deutschland wird nicht überall die Zahl der Neuinfektionen aller sexuell übertragbaren Krankheiten erfasst.

Welche Krankheiten treten heute wieder verstärkter auf als früher?

„Wir sehen seit 20 Jahren eine deutliche Zunahme von sexuell übertragbaren Infektionen“, sagt Brockmeyer. Am offensichtlichsten sei die deutliche Zunahme der Syphilis-Infektionen seit Anfang dieses Jahrtausends.

In Sachsen – ein Bundesland, das Neuinfizierungen mit Chlamydien und Tripper (Gonokokken) dokumentiert – erleiden 100 von 100.000 Menschen jährlich eine Chlamydien-Infektion. „Man muss davon ausgehen, dass die Neuinfektionen bei Chlamydien aber deutlich höher sind“, warnt Brockmeyer.

Zudem sei Sachsen als Flächenstaat nicht unbedingt repräsentativ. In bevölkerungsreichen Regionen wie im Rheinland, im Ruhrgebiet oder in Berlin müsse man von weitaus mehr Infizierungen ausgehen. „Es gibt Schätzungen, die von bis zu 300.000 Neuinfektionen in ganz Deutschland ausgehen“, warnt Brockmeyer.

Womit hängt die Zahl der steigenden Infektionen zusammen?

Das liege an ungenügender Aufklärung und der steigenden Zahl von Sex mit verschiedenen Partnern – bedingt durch Flirt-Apps oder Chatrooms, sagt der Professor: „Wir weisen immer darauf hin, dass Menschen, bei denen eine Infektion festgestellt wurde, ihre Partner benachrichtigen sollen. Die meisten Leute reinfizieren sich nämlich beim selben Partner.“ Die Therapie des Partners sei deshalb enorm wichtig.

Sowieso werden in vielen Fällen oft nur junge Frauen, aber selten Männer adresseiert, wenn es um sexuelle Gesundheit geht. Doch auch Männer können etwa durch Chlamydien unfruchtbar werden.

Die Infektionsrate bei Chlamydien bei einem Kontakt liegt bei etwa 80 Prozent. Das heißt, nach zwei Sexualkontakten ist die behandelte Person mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder mit Chlamydien infiziert. Bei anderen Erregern ist das ähnlich. Es ist deswegen auch entscheidend, nach vier bis sechs Wochen zu testen, ob die Behandelten geheilt sind.

Was kann man bei dem Verdacht auf eine Infektion tun?

Wenn sich jemand nicht sicher ist, sollte man sich immer testen lassen. In vielen Städten gibt es Teststellen im Gesundheitsamt, dann natürlich bei Gynäkologen, Urologen, Dermatologen. Außerdem gibt es in vielen Städten die Aids-Hilfen oder spezialisierte Zentren sowie Schwerpunktärzte.

Oft finden sich aber auch im Internet geeignete Ansprechpartner, zum Beispiel auf der Webseite der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

„Jeder, der etwa drei bis vier sexuelle Kontakte mit Menschen hatte, die er nicht gut kannte, sollte sich testen lassen“, sagt Brockmeyer. „Man kann davon ausgehen, dass die Leute, mit denen man Sex hatte, auch mit anderen Leuten Kontakt hatten.“

Deswegen sei auch eine deutliche Zunahme von sexuell übertragbaren Infektionen zu beobachten, obwohl der Kondomkauf gleich geblieben ist. In der heterosexuellen Bevölkerung sind mehr als 50 Prozent der sexuell übertragbaren Infektionen Spätdiagnosen.

Sind sexuell übertragbare Infektionen ausschließlich über sexuellen Kontakt übertragbar?

„Man muss schon aktiv werden“, sagt der Professor. „Der berühmte Toilettendeckel – da kann man sich zwar infizieren, aber nicht vom Deckel.“

 
 

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