Religion oder Gesundheit – Beschneidung ist häufigste OP

Monika Idems
Die Beschneidung aus religiösen, ästhetischen oder religiösen Gründen ist nach Ansicht eines Urologen vom Alfried-Krupp-Krankenhaus in Essen der vermutlich häufigste Eingriff der Welt.
Die Beschneidung aus religiösen, ästhetischen oder religiösen Gründen ist nach Ansicht eines Urologen vom Alfried-Krupp-Krankenhaus in Essen der vermutlich häufigste Eingriff der Welt.
Nach dem Urteil des Kölner Landgerichts hat die Debatte über Religionsfreiheit und das Recht auf körperliche Unversehrtheit die Beschneidung in den Fokus gerückt. Ob aus religiösen, medizinischen oder ästhetischen Gründen: Die Entfernung der Vorhaut ist die häufigste Operation der Welt.

Essen. Ist die Beschneidung eines kleinen Kindes Körperverletzung, wenn sie aus religiösen Gründen gewünscht wird und keinen medizinischen Grund hat? Das Urteil des Kölner Landgerichts, das einen Arzt der Körperverletzung für schuldig befand, hat eine Debatte über Religionsfreiheit und das ebenfalls im Grundgesetz verankerte Recht auf körperliche Unversehrtheit entfacht. Ob aus religiösen, medizinischen oder ästhetischen Gründen: Die Beschneidung sei vermutlich der häufigste medizinsche Eingriff der Welt, sagt Urologe Christian Baermann.

Und an vielen Stellen stehen sich Befürworter und Gegner von Beschneidungen gegenüber. Die Gesundheitsorganisation der Vereinten Nationen (WHO) etwa propagiere die Operation in Hochrisikogebieten für HIV-Infektionen in Afrika, erklärt Baermann, Oberarzt für Urologie am Essener Alfried-Krupp-Krankenhaus. Studien haben gezeigt, dass für beschnittene Männer das Risiko, sich mit dem Aids-auslösenden Virus anzustecken, um 50 bis 60 Prozent sinkt. Baermann erklärt, woran das liegen könnte: „Unter der Vorhaut sitzen Zellen, die für eine leichte Fettschicht an dieser Stelle sorgen. Diese Zellen haben Rezeptoren, die das HI-Virus binden können.“

Experte: "Risiko der HIV-Infektion sinkt"

Einen weiteren Grund sieht der Experte darin, dass unbeschnittene Männer nicht selten kleine Verletzungen an der Vorhaut haben: Über solche Wunden kann das Virus in den Körper eindringen. Baermann: „Die WHO geht davon aus, dass in Afrika zwei Millionen neue Infektionen und 300.000 Todesfälle verhindert werden können, wenn das Programm zur Beschneidung so weitergeführt wird.“

Nicht nur das Risiko der HIV-Infektion sinke, wenn Männer beschnitten sind, sagt Baermann, sondern auch das für die Ansteckung mit anderen sexuell übertragbaren Krankheiten. Außerdem erkranken die Partnerinnen von beschnitten Männern seltener an Gebärmutterhalskrebs.

Verengung der Vorhaut macht Beschneidung notwendig

„Das allein ist aber kein Grund, jeden Mann zu beschneiden“, sagt der Urologe. Und auch wenn das Argument der Hygiene nicht von der Hand zu weisen sei - „wenn sich ein Mann jeden Tag wäscht, ist das auch in Ordnung.“

Ein weiterer medizinischer Grund für eine Beschneidung ist eine Verengung der Vorhaut. Das Problem trete öfter bei kleinen Jungen auf, bei denen es in der Regel angeboren sei, und bei älteren Männern, bei denen es durch Entzündungen und die daraus resultierenden Narben entstehen könne.

Krupp-Krankenhaus in Essen lehnt manche Wünsche nach Beschneidung ab

„Nicht selten wollen Männer sich aus ästhetischen Gründen beschneiden lassen“, weiß Baermann. Aber auch das Gegenteil kann der Fall sein. In den USA, wo Jahrzehnte lang die meisten neugeborenen Jungen routinemäßig beschnitten wurden, egal, welcher Religion ihre Eltern angehören, gebe es inzwischen vehemente Gegenbewegungen, weiß Baermann: Männer, die operativ oder durch Dehnung ihre Vorhaut rekonstruieren (lassen); „sie sehen die Vorhaut als integralen Bestandteil ihrer Sexualität.“

Wenn sie aus ästhetischen oder religiösen Gründen gewünscht wird, wird die Beschneidung am Krupp-Krankenhaus nicht gemacht; viele niedergelassene Urologen bieten die häufig ambulant durchgeführte Operation in ihren Praxen an. „Der Eingriff hat eine sehr geringe Komplikationsrate“, sagt Christian Baermann: In ein bis zwei Prozent der Fälle treten Nachblutungen auf, die in der Regel mit einem Druckverband gestillt werden können, oder Entzündungen, die mit Antibiotika behandelt werden.