Masern bringen Angelina den Tod

Ein kleiner Pieks kann vor Masern schützen. Jedes zehnte Kind in Deutschland ist nicht ausreichend gegen Masern geimpft. Vor allem für Säuglinge stellt eine Infektion eine große Gefahr dar.
Ein kleiner Pieks kann vor Masern schützen. Jedes zehnte Kind in Deutschland ist nicht ausreichend gegen Masern geimpft. Vor allem für Säuglinge stellt eine Infektion eine große Gefahr dar.
Foto: dapd
In der Nähe von Aschaffenburg ist ein sechsjähriges Mädchen an einer tödlich verlaufenden Gehirnentzündung erkrankt. Als sieben Monate alter Säugling war sie mit Masernviren angesteckt worden. In diesem Februar brach die Hirnentzündung als Spätfolge aus. Angelina liegt im Wachkoma.

Aschaffenburg/Dortmund. Sie ist sechs Jahre alt, und sie wird sterben. Das wissen ihre Eltern. Denn ihre Angelina leidet an einer Gehirnentzündung, gegen die die Ärzte machtlos sind. Das Kind ist todkrank, kann nicht laufen, nicht sprechen, muss künstlich ernährt werden. Angelina liegt im Wachkoma. Der Grund: Als Säugling, im Alter von sieben Monaten, hat sich das Mädchen mit Masern angesteckt.

Fünf Jahre später brach die als Spätfolge der Masernerkrankung gefürchtete chronische Gehirnentzündung aus, von Ärzten kurz SSPE genannt. Angelina, die mit ihrer Mutter Gina (26) und ihrem Vater Dominik (26) in der Nähe von Aschaffenburg lebt, wurde innerhalb von acht Wochen zum Pflegefall. „Im Februar dieses Jahres bemerkten wir deutliche Auffälligkeiten bei unserer Tochter. Sie fiel öfter vom Fahrrad und hatte sprachlich regelrechte Blockaden“, sagt die Mutter.

Chronische Gehirnentzündung gilt als unheilbar

SSPE gilt als unheilbar. Zwischen einer Maserninfektion und ihrem Ausbruch können fünf bis acht Jahre vergehen. „Wir kennen aber auch Fälle, bei denen sich die Krankheit viel früher gezeigt hat“, erläutert Dr. Martin Terhardt vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte. Das Risiko, an SSPE als Spätfolge der Masern zu erkranken, sei offenbar besonders hoch, wenn Kinder im ersten Lebensjahr mit Masernviren in Kontakt kämen, betont der niedergelassene Kinderarzt aus Ratingen.

Das Problem: Säuglinge sollen erst im Alter ab elf Monaten gegen Masern geimpft werden, wenn ihr Immunsystem in der Lage ist, die Impfung auch zu verarbeiten. Vorher sind die Babys Masernviren schutzlos ausgeliefert, mit denen sie durch nicht geimpfte Kinder oder Erwachsene in Kontakt kommen können.

„Diese Impfung möchten wir gar nicht“

In Deutschland verfüge etwa jedes zehnte Kind nicht über einen ausreichenden Masernimpfschutz, so Dr. Hermann Kalhoff, Leitender Oberarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Klinikum Dortmund. „Einen Schutz gegen Masern bekommt man durch zwei Impfungen. Die erste sollte zwischen dem 11. und dem 14. Lebensmonat erfolgen. Das lassen auch noch über 90 Prozent der Eltern machen. Die zweite, zwischen dem 15. und dem 22. Monat, nehmen nur noch weniger als 90 Prozent der Eltern wahr“, so Kalhoff.

Würden die, die ihre Kinder nicht impfen ließen, nach ihren Gründen gefragt, bekomme man immer zwei Antworten. „Das haben wir vergessen. Oder: Diese Impfung möchten wir gar nicht.“ Dass Masern nicht ungefährlich seien, zeige der traurige Fall der kleinen Angelina aber wieder ganz deutlich, sagt Kalhoff, der die Impfung für „eine gesellschaftliche Aufgabe“ hält. Hintergrund: Nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) gab es in diesem Jahr bis zum 16. Oktober bundesweit schon 1573 Fälle von Masern. Im April war ein 26-Jähriger in München an Masern gestorben, eine 13-Jährige starb im Oktober in Bad Salzuflen.

Der einzige Weg, um sich und seine Mitmenschen – und eben auch Säuglinge – vor Masern zu schützen, sei die Impfung, betonen Experten. „Wir wissen, dass viele der heute 15- bis 40-Jährigen nicht gegen Masern immun sind oder einen unklaren Impfstatus haben“, erklärt Kinderarzt Terhardt, der auch Mitglied der Ständigen Impfkommission (STIKO) ist, die die Impfempfehlungen für Deutschland herausgibt. Diese rät allen nach 1970 Geborenen zur Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln. Ungeimpfte mit Kinderwunsch oder Säuglingen im Freundeskreis sollten sich hierbei ihrer Verantwortung „für die Kleinen“ bewusst sein, meint Terhardt.

 
 

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