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Knöpfe, Teller, Wurst – Ekel und Ängste machen vor nichts Halt

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Foto: imago stock&people
Seit ihrer Kindheit ekelt sich Mareile Kurtz vor Knöpfen. Ihre Phobie ist so stark, sie mag Knöpfe nicht mal anschauen. Erst viel später merkte Kurtz, dass sie damit nicht alleine ist. In einem Buch sammelt die 27-Jährige jetzt 33 bizarren Phobien.

Essen. 

Bei manchen ist es Watte, bei anderen sind es Ohrringe, auch Salami oder Holzstiele können Menschen in den Wahnsinn treiben – oder kurz davor. Phobien, so scheint es, machen vor nichts halt. Doch wer meint, er stehe damit alleine, liegt falsch. 15 Prozent der Deutschen leiden, so wird geschätzt, unter Ängsten – also ungefähr jeder Sechste. Die Journalistin Mareile Kurtz hat ihnen ein Forum gegeben, mit einem Buch: „Pfui Spinne, Watte, Knopf!“

Die gebürtige Ostwestfälin steht seit ihrer Kindheit mit Knöpfen auf Kriegsfuß. Schon das Wort mag sie kaum lesen. Richtig schlimm aber wird es „bei glatten, glänzenden Knöpfen aus Horn oder Perlmutt“ – egal wie klein: Der 27-jährigen Journalistin, die in Stuttgart lebt, sträuben sich beim bloßen Anblick die Nackenhaare. Mitunter überfällt sie Brechreiz.

„Ich dachte viele Jahre, ich bin der einzige Mensch mit diesem Tick“, berichtet Kurtz. Es war ihr lange Zeit peinlich sich mit „dieser Macke“ zu offenbaren. „Als Vierjährige hab’ ich meiner Mutter sogar mal eine Backpfeife gegeben, als sie mir eine Bluse mit vielen Knöpfen anziehen wollte“. Kurtz ist das heute noch unangenehm. Aber mit ihrer Phobie hat sie sich mittlerweile abgefunden und ihre Erfahrungen irgendwann in einem Blog veröffentlicht: „Kur(t)z-Geschichten für Knopfhasser“.

„Glücks-Aha-Erlebnis“ im Hörsaal

Kurtz’ Alltag gab und gibt viele Anekdoten her. Etwa wie sie im Kindergarten Bastelunfälle vortäuschte – nur um sich lästiger Knöpfe an ihrer Kleidung zu entledigen. Oder wie ihre Mutter ihr später, als Kurtz’ im Schülerjob im heimischen Stemwede in einem Gasthof kellnerte, extra die Knopfleiste der Arbeitskleidung festnähte, „damit ich die Bluse einfach überziehen konnte“.

Ihr „Glücks-Aha-Erlebnis“ hatte Mareile Kurtz, als sie 2004 beim BWL- und Journalistik-Studium in Ravensburg auf einen Kommilitonen traf, der ebenfalls Ekel vor Knöpfen hatte: „Da habe ich das erste Mal gemerkt, dass ich nicht alleine bin mit dem Tick“. Mittlerweile weiß Kurtz, dass es in Deutschland „mehrere Tausend Knopf-Phobiker“ gibt.

Dabei macht Kurtz einen Unterschied zwischen Tick und ernsthafter Erkrankung: „Die Faustregel in Medizin und Wissenschaft ist: Wenn Symptome körperlich werden, als Reaktion auf ein Objekt oder eine Situation, dann ist es eine Phobie“.

Vielen hilft es schon, wenn sie sich mit Leidensgenossen austauschen können, hat Kurtz erfahren, als sie an ihrem Buch gearbeitet hat. Dabei hat sie Manches dann auch lieber nicht verarbeitet, weil sie das Thema mit Humor aufgreifen wollte.

Coulrophobie, Podophobie, Spectrophobie…

Etwa die Geschichte einer 20-Jährigen, die an einer Sozialphobie leidet. „Sie hat panische Angst vor anderen Menschen; selbst Telefonieren kann sie nicht selbst, sie traut sich nicht unter Leute, wohl aus Angst abgewiesen zu werden, und ist den ganzen Tag zuhause.“ Einzig per Chat findet die junge Frau Kontakt: Kurtz: „Das Internet ist ein Segen für sie.“

Am weitesten verbreitet ist wohl die Angst vor Spinnen, meint Kurtz. Auch Clowns (Coulrophobie), Puppen ((Automatonophobie) und Füße (Podophobie) lösen bei relativ vielen Menschen Ängste oder Ekel aus. Weit seltener sei da der Ekel vor Wurst (Carnophobie), Spiegeln (Spectrophobie), Geschirr (Dishophobie), Styroporquietschen (Styrophobie) oder Watte (Bambakomallophobie).

Das Bedürfnis, gegen ihren Ekel vor Knöpfen (Koumpounophobie) anzukämpfen, hatte Kurtz nie. „Ich weiß, dass man es therapieren könnte, aber ich habe mich damit arrangiert“. Auch ihr Partner und ihre Freunde glaubt sie nicht übermäßig zu belasten, obwohl Kurtz in Sachen Kleidungswahl auch bei anderen etwas kritisch ist. „Ich selbst trage am liebsten Kleider oder Leggins“ – was eben ohne Knöpfe auskommt. Jeans dagegen verursachen bei ihr keine Übelkeit, sagt sie: „Metall- und Druckknöpfe machen mir nichts aus“.

In Punkto Partnerschaft kommt es für Kurtz darauf an, „dass man nicht versucht, den Partner zu ändern“. Man solle ihn Ernst nehmen mit seinen Ängsten – „und das am besten mit Humor“. Wenn die Einschränkungen allerdings zu groß sind, „dann ist es sicher gut, wenn man versucht, etwas zu tun“ – etwa mit einer Psychotherapie. Es gibt auch Selbsthilfegruppen.

Oder man setzt auf die Vermeidungsstrategie. Die Internet-Seite knopfhasser.de etwa steht unter dem Motto: „Es lebe der Reißverschluss!“

Mareile Kurtz, „Pfui Spinne, Watte, Knopf! 33 verrückte Geschichten über schräge Ängste, absurde Abneigungen und lustige Phobien“, Taschenbuch, Schwarzkopf & Schwarzkopf-Verlag, Berlin, 368 Seiten, 9,95 Euro.