Joint auf Rezept – Debatte um Cannabis als Arzneimittel

Hanf als Arzneimittel: Cannabis wird in der Schmerztherapie angewendet. Die Medikamente sind allerdings teuer.
Hanf als Arzneimittel: Cannabis wird in der Schmerztherapie angewendet. Die Medikamente sind allerdings teuer.
Foto: picture alliance / dpa
Die Droge gilt auch als hilfreiches Medikament in der Schmerztherapie. Doch die Politik tut sich bei der Legalisierung schwer. Der Stand der Debatte.

Essen.. Soll Kiffen – also das Rauchen von Cannabis – erlaubt werden? Über dieses Thema wird heiß diskutiert, und der medizinische Aspekt steht dabei nicht immer im Vordergrund. „Es ist ein großer Unterschied, ob ein Jugendlicher aus Vergnügen Cannabis als Droge konsumiert, oder ob ein 50-Jähriger ein Medikament mit Wirkstoffen aus Cannabis mit einer klaren Indikation zur Behandlung erhält“, sagt dazu Professor Norbert Scherbaum, Ärztlicher Direktor des LVR-Klinikums Essen und Experte für abhängiges Verhalten und Suchtmedizin. Ein Überblick über das Thema und den Stand der Dinge.

Was ist Cannabis?

Wir kennen Cannabis unter vielen Namen – als Hanf, Marihuana, Haschisch, Gras. . . Gemeint sind bei letzterem die getrockneten Blätter, Blüten oder das Harz der Pflanze. Das bedeutet: Sie werden meist als Joint geraucht, damit der darin enthaltene Wirkstoff, das Cannabinoid Tetrahydrocannabinol (THC) seine Wirkung auf das zentrale Nervensystem entfaltet.

Laut der aktuellen Gesundheitsberichterstattung des Bundes ist Cannabis die in Deutschland am häufigsten gehandelte illegale Droge. Die Effekte werden in der Gesundheitsberichterstattung als beruhigend, entspannend und stimmungshebend, aber auch ängstlich und nicht selten aggressiv stimmend beschrieben. „Langzeitgebrauch kann zur psychischen Abhängigkeit führen“, heißt es.

Wie nutzen es Mediziner?

Ein 4700 Jahre altes chinesisches Lehrbuch beschreibt bereits die erste Nutzung in der Medizin, die danach eine lange Tradition entwickelte – vor allem zur Beruhigung, Anfalls- und Krampflinderung, aber auch als Schlafmittel. Auch in den Schriften der berühmten Äbtissin Hildegard von Bingen soll Hanf als Medizin erwähnt worden sein.

In Deutschland wurde Cannabis Ende der 1920er-Jahre verboten und un­tersteht bis heute dem Betäubungsmittelgesetz. „Eine Ausnahme ist ein Spray aus Cannabisextrakten zur Anwendung in der Mundhöhle, das Patienten mit Multipler Sklerose bei spastischer Muskelanspannung verschrieben wird – aber auch nur, wenn andere Medikamente nicht gewirkt haben“, sagt Norbert Scherbaum. „Außerdem kann Dronabinol, ein halbsynthetisches THC auf Pflanzenbasis, als Arzneimitteln in Deutschland verschrieben werden, etwa bei Erbrechen während einer Chemotherapie oder bei Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust bei der Immunschwäche Aids.“

Medikamente auf Cannabisbasis seien aber teuer und die Krankenkassen seien nicht verpflichtet, die Kosten zu übernehmen. Weitere Einsatzmöglichkeiten könnten chronische Schmerzen sein. Bei der Bundesopiumstelle kann eine Ausnahmegenehmigung zur medizinischen Verwendung von Cannabis beantragt werden. Wird dem Antrag stattgegeben, kann der Betroffene Cannabis in einer lizenzierten Apotheke erwerben.

Ist es sinnvoll, den Gebrauch zu legalisieren?

Immer wieder gibt es Vorstöße, den Gebrauch von Cannabis als Droge zu legalisieren – zuletzt im März 2015 von den Grünen. Die Bundesregierung und die Unionsfraktionen lehnten diesen Plan zwar ab, es gibt aber Überlegungen, dass Schwerkranke als Kassenleistung Medikamente auf Cannabisbasis bekommen sollen. „Man muss klar zwischen Cannabis als Suchtmittel und Medikamenten auf der Grundlage von Cannabis differenzieren. Wir unterscheiden ja auch zwischen dem Opiat Heroin als Suchtmittel und Opiaten als Schmerzmitteln “, sagt Scherbaum.

„Diese Differenzierung misslingt in der öffentlichen Diskussion häufig, weil man befürchtet, dass Jugendliche das falsche Signal bekommen und der Konsum verharmlost wird, wenn cannabishaltige Medikamente zugelassen werden.“ Seit Anfang 2014 darf in Colorado in den USA Cannabis legal gekauft werden – allerdings unter Beachtung des Jugendschutzes. „Dies ist eine Art gesellschaftliches Experiment und wir wissen noch nicht, welche Folgen diese Entwicklung haben wird.“

Wie gefährlich ist Cannabis?

„In Deutschland leben rund 240.000 Abhängige, die oft sehr antriebsarm sind, sich nicht gut konzentrieren können und dadurch ihr Leben quasi verpassen“, erklärt Norbert Scherbaum. „Man sollte die Cannabisabhängigkeit nicht verharmlosen, sondern als oft chronisch verlaufende Erkrankung mit schwerwiegenden Folgen für die psychische Gesundheit und die soziale Integration ernst nehmen.“

Zudem belege die Dunedin-Studie aus Neuseeland, dass der regelmäßige Cannabiskonsum im Jugendalter die Intelligenz im weiteren Lebensverlauf beeinträchtigen kann. Und in einer schwedischen Studie mit Rekruten, die regelmäßig Marihuana rauchten, habe sich gezeigt, dass diese Männer später öfter an einer Schizophrenie erkrankten als andere, die abstinent lebten.

Was könnte der Ausweg sein?

„Weg von den polaren Stellungnahmen in Sachen Cannabis “, so lautet die Empfehlung des Suchtexperten Norbert Scherbaum. Das Risiko des regelmäßigen Konsums von Cannabis als Droge, insbesondere im Jugendalter, dürfe nicht verharmlost werden. Andererseits sollten cannabishaltige Medikamente, wenn ihre Wirksamkeit bei bestimmten Erkrankungen nach den üblichen Standards belegt wird, für die Therapie zur Verfügung stehen. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler, will diesen Weg offenbar gehen und kündigte ein Gesetz für 2016 an.

 
 

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