Irreparable Herzschäden durch Partydrogen - Elf Fälle in NRW

Pirkko Gohlke
Drei junge Patienten in Krefeld haben nach dem regelmäßigen Konsum von sogenannten Partydrogen nun schwerste Herzmuskel-Vergiftungen. 37 Fälle meldeten Kardiologen aus ganz Deutschland den Krefelder Ärzten, nachdem diese die Verbindung zwischen Krankheitsbild und Drogenkonsum entdeckt hatten.

Krefeld. Dem Bus hinterher rennen. Fahrrad fahren. In der Disko die ganze Nacht tanzen. Mit Anfang Zwanzig sollte das normal sein. Nicht für drei Patienten zwischen 19 und 23 Jahren, die ins Helios Klinikum in Krefeld eingeliefert wurden. Sie haben die Herzen von kranken Achtzigjährigen. Der Grund: übermäßiger Konsum sogenannter Partydrogen.

Dass harte Rauschgifte ungesund für das Herz sind, ist nicht neu. Aber: Erstmals haben Kardiologen in Deutschland den Zusammenhang zwischen der regelmäßigen Einnahme synthetischer Drogen und derartig unheilbaren Herzen dokumentiert. Die Herzmuskeln sind vergiftet. Keines dieser Organe wird je wieder gesund. Transplantationen sind notwendig. Welche Substanz die Schäden hervorgerufen hat, ist noch unklar. Unter Verdacht stehen auch Amphetamine, die bei den Patienten gefunden wurden.

Die Droge lässt das Herz wachsen

Kein Einzelphänomen: 37 Fälle meldeten Kardiologen aus ganz Deutschland den Krefelder Ärzten, nachdem diese die Verbindung zwischen Krankheitsbild und Drogenkonsum entdeckt hatten. Elf Fälle sind alleine in NRW bekannt, darunter je einer in Oberhausen und Duisburg. Dass Ärzte künftig vermehrt auf solche Fälle stoßen, ist anzunehmen. Zum einen sind sie nun sensibilisiert – eine standardmäßige Abfrage von Drogenkonsum gibt es in deutschen Kliniken anders als in den USA bislang nicht. Zum anderen nimmt gerade der Konsum von Amphetaminen seit Jahren zu, nicht nur in der Partyszene.

Professor Heinrich Klues, Chefarzt der Kardiologie am Helios Klinikum Krefeld, und sein Team staunten nicht schlecht: Innerhalb von zwei Monaten blickten sie drei Mal auf sich ähnelnde Aufnahmen von Herzen. Alle drei Organe waren „drastisch vergrößert“, so ­Klues. Ein gesundes Herz hat im gefüllten Zustand einen Durchmesser von rund fünf Zentimetern. Das größte Herz der Krefelder Patienten hatte 8,5 Zentimeter. Die Folge: Das Herz pumpt nicht richtig. Normalerweise werden 55 und mehr Prozent des Blutes mit einer Pumpbewegung aus dem Organ befördert. Die schlechteste Pumpleistung lag bei einem der Patienten bei 16 Prozent, die anderen beiden kamen auf 20 Prozent.

Medizinisches Rätsel gelöst

Für Klues, mit rund 30 Jahren Berufserfahrung, gab es zunächst keine schlüssige Erklärung. Vor ihm lag ein medizinisches Rätsel: junge Patienten mit alten, schwerst kranken Herzen. Einen „unglücklichen Zufall“ nennt Klues es: „Nur durch die Häufigkeit wird man aufmerksam.“ Die Kardiologen wurden zu Detektiven, befragten die Patienten und fanden heraus: Alle drei hatten mindestens mehrere Monate lang regelmäßig Partydrogen eingenommen – ein Patient am Ende sogar täglich. Tablettenreste hatten sie noch zu Hause. Die wurden in der Klinik untersucht. Das Ergebnis: Amphetamine und Koffein.

Was die Patienten sonst noch genommen haben, wissen die Mediziner nicht. Niemand kann sagen, aus welchen Substanzen solche Pillen bestehen – außer der Drogenkoch. Klues: „Jeder, der in einer Disko Herzchen, Popeye oder was weiß ich kauft, kann sich nicht sicher sein, was drin ist.“

Amphetamine versetzen den Körper in Dauerstress. „Da geht das Herz in die Knie“, sagt Klues. Es ist eines der sensibelsten Organe und leidet als erstes. Die Symptome der Krefelder Patienten: Atemnot, drastischer Leistungsabfall, Einlagerung von Flüssigkeit im Gewebe. Klues ist überzeugt, dass viele Kardiologen, er eingeschlossen, bisherige Fälle schlichtweg übersehen haben. Auch weil toxikologische Abfragen nicht üblich seien.

Die Folgen des Drogenkonsums sind für die drei Krefelder fatal: Einen Patienten konnten die Mediziner bisher mit Medikamenten stabilisieren. Aber 50, 60 Jahre lang ginge das nicht gut, so Klues. Der zweite Patient bekam ein Kunstherz. Der dritte braucht auf jeden Fall eine Herztransplantation. „Sie werden nicht mehr normal arbeiten können“, so der Mediziner. Schon bei der kleinsten Belastung rängen sie nach Luft. Dem Bus hinterher rennen? Unmöglich.

Keine reinen Partydrogen

Amphetamine sind keine reinen Partydrogen: Sie zählen zu den bekanntesten Dopingmitteln. Zudem werden Amphetamine zunehmend von Studenten vor Prüfungen zur Leistungssteigerung eingesetzt. Gerade das hält Hans-Jürgen Hallmann, Vorstand der g!nko Stiftung für Suchtprävention in Mülheim, für ein gesellschaftliches Problem: „Es ist allgemein üblich, mehr zu leisten“, meint er. Dadurch werden die Drogen gesellschaftsfähiger.

Die Konsumenten wissen nicht, welche Substanzen sich in den Pillen oder Pulvern befinden. „Da werden Stoffe genommen, die aus Garagenküchen stammen“, so Hallmann: Zum Teil kämen die Drogen aus Osteuropa.

Die höchste Zahl der Amphetamin-Konsumenten in den letzten 15 Jahren zählte das Landeskriminalamt NRW 2011 – 5840 Menschen. Der Trend zu aufputschenden Drogen hält an. Delikte mit Amphetamin stiegen seit 2001 (2477) auf 7932 Fälle im Jahr 2011 um 220 Prozent. Bei den konsumnahen Delikten – Erwerb und Besitz – gab es sogar eine Steigerung von 302 Prozent (von 2100 auf 6335 Fälle). Im Gegensatz dazu sanken die Fälle von Amphetamin-Derivaten – zum Beispiel: 3,4-Methylendioxy-NMethylamphetamin (MDMA), Szenenname: Ecstasy. Dies erklärt das LKA mit geändertem Konsumverhalten: Statt Ecstasy werden zunehmend Amphetamine (Szenennamen: Speed, Pepp) konsumiert. Hinzu kommt, dass in vielen als Ecstasy bezeichneten Pillen mittlerweile Amphetamine statt MDMA enthalten sind.