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Genitalverstümmelung – ein Opfer aus NRW erzählt

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Foto: NRZ
Rund 30 000 Frauen bundesweit sind beschnitten oder von einer Beschneidung bedroht. In Nordrhein-Westfalen sind es schätzungsweise 5600, in Dortmund 186, im Ennepe-Ruhr-Kreis 100. Die Dunkelziffer ist groß. Eine Betroffene konnte sich lange Zeit nur an einen „grausamen Schmerz“ erinnern.

Herdecke. 

Amara Samura (Name von der Redaktion geändert) nahm ihre Frauenärztin in den Arm und tröstete sie. Laut aufgeschrien hatte die Kölner Medizinerin, als sie die große Narbe ihrer Patientin sah. Zum heutigen Internationalen Tag gegen Mädchenbeschneidung erzählt die 45-Jährige Sudanesin Amara Samura von ihrem Schicksal und einer blutigen Tradition, die längst nicht mehr ein rein afrikanisches Problem ist. Rund 30 000 Frauen bundesweit sind beschnitten oder von einer Beschneidung bedroht. In Nordrhein-Westfalen sind es schätzungsweise 5600, in Dortmund 186, im Ennepe-Ruhr-Kreis 100. Die Dunkelziffer ist groß.

Nur an einen „grausamen Schmerz“ konnte sich Amara Samura lange Zeit erinnern. „Alles andere hatte ich verdrängt, mit den Schmerzen zu leben gelernt“, sagt die Juristin. Bis zu dem Tag, als sie vor vier Jahren von zwei Männern überfallen wurde. Alte Erinnerungen kamen hoch, Samura begab sich in psychische Behandlung. „Und als die Psychiaterin mich das erste Mal fragte, was in meiner Kindheit geschehen war, da musste ich mich übergeben.“

Frauen, die nicht wissen, was passiert ist, die nur wissen, dass etwas passiert ist. Solche Patientinnen besuchen häufig die Praxis des Gynäkologen Dr. Christoph Zerm aus Herdecke. Eigentlich ist es ein Tabu, darüber zu sprechen. In ihrer Kultur werden die Frauen geächtet, wenn sie mit diesem Problem zum Arzt gehen, schildert Zerm. Doch die Schmerzen treiben einige Betroffene dann doch in die Praxis. Immer wieder beobachtet der Gynäkologe, dass Klitoris und Schamlippen abgeschnitten und die Wunden zugenäht wurden, so dass nur ein streichholzdickes Loch übrig ist. Menstruationsblut kommt nicht nach außen. Es beginnt zu eitern. Die schlecht verheilte Wunde entzündet sich. 30 Minuten bräuchten diese Frauen oft zum Wasserlassen, jedes Mal unter starken Schmerzen, schildert Dr. Zerm. „Es ist schlimmer, als hätte man einem Mann den Penis abgeschnitten.“ Dabei sind die Schmerzen nur das eine.

Amara Samura war verliebt. Und sie lächelt noch heute, wenn sie von ihm spricht. „Er war der Traum einer jeden Frau“, schwärmt sie. 25 Jahre alt war die damalige Studentin, als sie den Kölner Musiker kennenlernte. Doch die Beziehung zerbrach. So wie bisher jede große Liebe im Leben der hübschen Afrikanerin. Auch die Ehe mit dem Vater ihrer achtjährigen Tochter ist gescheitert. Samura glaubt fest, dass jedes Mal ihre Beschneidung eine wesentliche Rolle gespielt hat. Sie ist glücklich, dass sie ihre eigene Tochter vor diesem Schicksal bewahren kann.

Für andere Mädchen ist es häufig zu spät. Jawahir Cumar hat vor sieben Jahren die bisher einzige Beratungsstelle in NRW gegründet, an die sich beschnittene Frauen wenden können. „Aus Münster und Paderborn kommen die Betroffenen nach Düsseldorf, erzählt sie. Täglich nehmen sich Cumar und ihr Mitarbeiter sechs Stunden Zeit für Frauen, die Rat suchen. Manchmal rufen Mädchen oder junge Frauen an, die bereits beschnitten wurden und nun wissen, dass die kleine Schwester bald dran ist. „Wir gehen dann in die Familien und versuchen die Leute zu überzeugen, es zu lassen. Wenn sie es nicht einsehen, müssen wir drohen, mit Polizei und Abschiebung“, sagt Cumar. Bisher seien alle Eltern umgestimmt worden. 2011 konnten so 17 Mädchen in Nordrhein-Westfalen gerettet werden.

Durch Seminare versucht Cumar Grundschullehrer und Kindergärtner für diese Thematik zu sensibilisieren. „Alle Alarmglocken müssen klingeln, wenn ein Mädchen erzählt, dass sie nach Afrika fliegt und dort ein großes Fest für sie gefeiert wird“, sagt Cumar. Doch in vielen Fällen werden Pädagogen zu spät auf dieses Thema aufmerksam. Erzieher und Grundschullehrer, erzählten oft von Kindern, die völlig verstört aus dem Afrikaurlaub heim kämen, nur noch in der Ecke säßen, nicht mehr spielten.

Auch Frauen und Männer aus Mischehen wenden sich an die Beratungsstelle. Jahawir Cumar kann sich an einen besonderen Fall erinnern: Eine Deutsche flog mit ihrem afrikanischen Ehemann in seine Heimat, während eines Ausfluges ließen sie die fünfährige Tochter bei der Großmutter. Nach der Rückkehr fanden die geschockten Eltern ein beschnittenes Kind vor.

Auch Amara Samuras Verwandte rufen häufig an und fragen, wann Luna sie besuchen kommt, doch die Mutter ist misstrauisch. Sie hat nicht vor, ihren Verwandten die Tochter vorzustellen. Denn im Laufe der Therapie hat sie gelernt, sich wieder zu erinnern. Onkel, Tanten, Omas, Opas, Mutter und Vater.– „Sie haben getanzt und sich gefreut, während ich da lag und diese Schmerzen über mich ergehen ließ. Mein Kleid war natürlich rot, so dass niemand das Blut sehen konnte. Keiner von ihnen hat mir geholfen“, erzählt die Frau.

Von diesem Tag an habe Amara Samura ihre Mutter nie wieder so in den Arm nehmen können wie davor. Mit dreieinhalb Jahren hatte sie ihr Vertrauen verloren. Bis heute, fast zwei Jahrzehnte nach dem Tod der Mutter, versucht Amara Samura ihr zu verzeihen. Aber so richtig kann sie es immer noch nicht.