Frühe Einschulung kann laut Studie ADHS auslösen

Petra Koruhn; Birgitta Stauber-Klein
Je jünger ein Kind eingeschult wird, desto anfälliger ist es offenbar für das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom. Was kanadische Forscher ermittelten, scheinen deutsche Eltern schon geahnt zu haben: Immer mehr setzen ihre Kinder ein Jahr zurück.

Essen. Der Trend zur immer früheren Einschulung ist zu Ende: In NRW machen Eltern wieder öfter von der Möglichkeit Gebrauch, im Zweifel das Kind noch ein Jahr vom Schulbesuch zurück zu stellen. Das geht aus den Zahlen des statistischen Landesamtes hervor. Grund ist die Sorge, das Kind könnte durch eine zu frühe Einschulung in seiner Entwicklung beeinträchtigt werden.

Wie berechtigt diese Sorge ist, zeigt eine breit angelegte kanadische Langzeitstudie. Demnach werden bei sehr früh eingeschulten Kindern eineinhalb Mal so oft Medikamente gegen das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom ADHS verschrieben wie bei älteren Klassenkameraden. Experten befürchten ähnliche Zusammenhänge auch in Deutschland. Die Essener Entwicklungspsychologin Annette Boeger etwa hält bei zu jungen Kindern eine Fehldiagnose für „vorstellbar“, wenn sie aus Überforderung unkonzentriert und zappelig seien.

Der Kinderschutzbund NRW lehnt daher eine Einschulung vor dem sechsten Geburtstag ab. Jüngere Kinder seien motorisch oft noch nicht so weit und bräuchten ent­sprechend mehr Bewegung. Für die Sozialarbeiterin und Betzdorfer Kinderschutz-Aktivistin Marion Milbradt sind jüngere Kinder generell ­„weniger reif“, auch wenn sie „intelligent genug sind“.

Gesundheitsämter prüfen, ob Kinder schulreif sind

Wenn ein Kind stolz die Schultüte trägt, sollte es eine Menge Dinge können. Allein und unter Zeitdruck nach dem Sportunterricht zum Beispiel eine Strumpfhose anziehen. Akzeptieren, wenn die Pause zu Ende ist. Es sollte still bei einer Sache bleiben und in der Lage sein, längere Zeit konzentriert zuzuhören. Und natürlich sollte es auch schaffen, Misserfolge wegzustecken. Wenn in den Gesundheitsämtern die Schulärzte Kinder vor der Einschulung unter die Lupe nehmen, versuchen einzuschätzen, ob das Kind dem Schulalltag gewachsen ist. Sie überprüfen die vorzeitige ­Ein­schulung ebenso wie die Rückstellung des eigentlich schulpflichtigen Kindes.

In Nordrhein-Westfalen ist in den vergangenen Jahren die Einschulung um drei Monate schrittweise vorgezogen worden. In diesem Jahr müssen ­alle Kinder in die Schule, die bis zum 31. September sechs Jahre alt ­werden.

Immer mehr Rückstellungen

Im Schuljahr 2006/2007 war der 30. Juni der Stichtag; damals wurde noch jedes zehnte Kind vorzeitig eingeschult, inzwischen ist es nur noch jedes 17. Kind, wie die Zahlen des Amtes für Infor­mation und Technik, das statistische Landesamt, belegen. Gestiegen ist hingegen seitdem die Zahl der Rückstellungen. Offenbar haben Eltern und Amtsärzte große Bedenken, einem Kind noch früher den Schulalltag zuzumuten.

Noch deutlicher sind die Entwicklungen in Berlin: Dort sind inzwischen alle Kinder schulpflichtig, die bis zum 31. Dezember sechs Jahre alt werden – mit der Folge, dass zwar eine Reihe von Fünfjährigen in den ersten Klassen sitzen. Die Amtsärzte haben aber neun Prozent der Kinder um ein Jahr zurückgestellt – wegen mangelnder Reife, wie eine ­Befragung der „Berliner ­Mor­genpost“ ergab.

Sorgen der Eltern sind berechtigt

Offenbar ist die Sorge der ­Eltern und Ärzte durchaus ­be­rechtigt, wie nicht zuletzt die kanadische Untersuchung über besonders jung eingeschulte ADHS-Patienten zeigt. Dabei, zitiert „süddeutsche.de“ den Psychologen Manfred Döpfner von der Uni Köln, seien „Konzentrationsfähigkeit, Unruhe und Impulsivität nun einmal stark altersabhängig“. Döpfner ist Mit­autor der Leitlinien zur ­Be­handlung des ADHS. Er empfiehlt: „Lehrer und Ärzte sollten bei der Beurteilung von Kindern deren genaues Alter im Bewusstsein haben.“

Wie berechtigt diese Empfehlung ist, zeigt ein Blick auf die Verschreibungspraxis. ­Ob­wohl die Zahl der Kinder absolut zurückgeht, stiegt der Verbrauch von Ritalin, dem am häufigsten verschriebenen ADHS-Medikament, auch in Deutschland in den vergangenen fünf Jahren rasant an. Laut Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinpro­dukte wuchs die an Apotheken gelieferte Menge des Wirkstoffs von 2006 bis 2009 um 42 Prozent – auf 1735 Kilogramm. 2006 waren es noch 1221 Kilo. Die Techniker Krankenkasse macht ­allein bei ihren Versicherten eine Steigerung der Ritalin-Rezepte um 32 Prozent aus.

Es muss nicht gleich ADHS sein

Wenn Experten vor der Einschulung unreifer Kinder warnen, geht es aber nicht nur um ADHS. Eine umfassende ­Stu­die aus dem Jahr 2009 ­belegt: Vorzeitig eingeschulte Kinder müssen häufiger eine Klasse wiederholen. Obendrein bekommen sie seltener eine Em­pfehlung für das ­Gymnasium.