Forscher wollen Pädophilie im Gehirn erkennen

DerWesten

Kiel. Was geht nur in dessen Kopf vor", fragen sich viele Menschen bei bekannt werden einer pädophilen Sexualstraftat. Kieler Wissenschaftler sind dieser Frage jetzt mithilfe eines Magnetresonanztomographen (MRT) genauer nachgegangen. Im Ergebnis einer mehrjährigen Studie haben sie herausgefunden, wie sich pädophile von nicht-pädophilen Männern anhand der Muster ihrer Hirnaktivität unterscheiden lassen.

Die individuelle Rückfallwahrscheinlichkeit ist ein entscheidendes Kriterium für den Umgang mit pädophilen Straftätern. "Die Menschen können einander im sexuellen Bereich aber glaubhaft das Blaue vom Himmel erzählen", sagt Studienleiter Jorge Ponseti. Der 49-Jährige erstellt selbst regelmäßig für Kieler Gerichte entsprechende Sexualgutachten.

Schwierig sei es bei der Begutachtung eines Ersttäters, wenn nur dessen eigene Aussagen als Quelle dienten, sagt Ponseti. "Wir wissen aber aus Untersuchungen, dass knapp die Hälfte aller Ersttäter nicht pädophil ist." Mit ihrer Diagnosetechnik glauben die Wissenschaftler der Sektion für Sexualmedizin des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein nun, eine sichere Möglichkeit zur objektiven Diagnose gefunden zu haben.

56 Probanden für die Untersuchung

Für die Untersuchungen wurden 24 pädophilen und 32 nicht-pädophilen Männern in schneller Abfolge jeweils 490 Bilder gezeigt, darunter Fotos nackter Kinder, Erwachsener und auch Bilder ohne sexuelle Inhalte. Während die Testpersonen in der Röhre lagen, zeichnete das hochauflösende MRT die Hirndurchblutung auf.

Anhand der Sauerstoffverteilung lässt sich dabei klar nachvollziehen, welche Bereiche des Gehirns gerade besonders aktiv sind. In den dreidimensionalen bildhaften Darstellungen leuchten diese Aktionsbereiche dann hell auf. "Typische Hirnreaktionen stellen sich bereits nach wenigen Millisekunden ein, noch weit bevor das Foto überhaupt bewusst wahrgenommen wird", sagt Ponseti.

Anschließend haben die Wissenschaftler Tausende Daten jedes Einzelnen mit einem errechneten Gruppenmuster abgeglichen. Die Übereinstimmung zwischen individueller Hirnaktivität und dem Gruppenmuster entschied darüber, ob ein Patient als pädophil oder nicht-pädophil eingestuft wurde. Heraus kam eine Treffergenauigkeit ihrer Diagnosemethode von 95 Prozent.

95-prozentige Treffergenauigkeit

"Kein Nicht-Pädophiler wurde von uns fälschlicher Weise als pädophil diagnostiziert", sagt Ponseti. Es seien jedoch fälschlicherweise drei Männer mit heteropädophilen Neigungen als nicht pädophil eingestuft worden. "Deren individuelle Hirnmuster beim Betrachten der Bilder sind den Mustern Nicht-Pädophiler ähnlicher als die Daten homopädophiler Männer."

Doch die Kieler Sexualmediziner wollen den Hirnen künftig noch mehr entlocken. "Ich halte es für möglich, aufgrund der Hirnaktivitäten auch Aussagen über das Maß einer sexuellen Ausprägung treffen zu können", sagt Ponseti. Auch will der 49-Jährige die Genauigkeit der Methode noch weiter erhöhen. Kritik, dass die 95-prozentige Treffergenauigkeit unter Laborbedingungen zustande gekommen sei, weist er zurück. Eine MRT-Untersuchung könne "nicht an der Bushaltestelle erfolgen".

Anwendung nur auf freiwilliger Basis

Zulässig ist die neue Methode nur auf freiwilliger Basis. "Interesse melden bei uns insbesondere junge Männer an, die sich in dieser Hinsicht gefährdet fühlen", sagt Ponseti. Sie könnten Klarheit erlangen und entsprechende Schritte wie eine Therapie einleiten.

Das zuständige schleswig-holsteinische Justizministerium sieht durch das neue Verfahren für die Behandlung im Vollzug zunächst keinen Vorteil. "Bereits jetzt verfügen die behandelnden Therapeuten über diagnostische Methoden, um einen Kernpädophilen zu erkennen und gestalten die Behandlung entsprechend", sagte die zuständige Referatsleiterin Gudrun Bosy-Renders.(dapd)