Erste Krankenkasse stoppt Verteilung von Organspende-Ausweisen

Nach dem Göttinger Skandal sind viele Menschen verunsichert. Die Siemens-Betriebskrankenkasse reagiert: Sie will erst im nächsten Jahr Organspendeausweise verschicken.
Nach dem Göttinger Skandal sind viele Menschen verunsichert. Die Siemens-Betriebskrankenkasse reagiert: Sie will erst im nächsten Jahr Organspendeausweise verschicken.
Foto: Birgit Schweizer
Der Göttinger Organspende-Skandal hat das Vertrauen vieler Versicherter erschüttert. Als erste reagiert die Siemens-Betriebskrankenkasse: Sie stoppt die für Herbst geplante Verteilung von Organspende-Ausweisen. Und fordert neue Wege von Krankenhäusern, Ärzten und Politik.

München/Essen. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Das betont Franz Billinger, Sprecher der Siemens-Betriebskrankenkasse (SBK). Die größte Betriebskrankenkasse Deutschlands hat beschlossen, Organspende-Ausweise nicht wie geplant im Herbst zu verschicken, sondern erst zur kommenden Jahresmitte. Nach dem Göttinger Skandal könne man "nicht einfach zur Tagesordnung übergehen", erklärt SBK-Vorstand Gertrud Demmler.

Nach aktuellen Umfragen sind zwei Drittel der Befragten überzeugt, dass reiche Patienten bei der Vergabe von Organspenden bevorzugt würden. Diese Zahl belegt, wie verunsichert viele Menschen sind. Denn noch vor dem Skandal haben zwei Drittel der Befragten angegeben, dass sie ernsthaft über Organspende nachdenken.

Das Ziel bleibt, neue Spender zu gewinnen

Wegen dieser Bedenken der Versicherten will die SBK verstärkt auf Information und Aufklärung setzen. "Wenn wir jetzt die Ausweise verschicken, werden uns viele Kunden fragen, ob wir keine Zeitung lesen. Oder die Ausweise gleich wegwerfen, weil sie momentan nichts von dem Thema wissen wollen", erläutert Franz Billinger.

Das im Mai beschlossene Transplantationsgesetz sieht vor, dass die Krankenkassen ihre Kunden informieren und ihnen zugleich einen Organspende-Ausweis zur Verfügung stellen. "Das Ziel ist aber ja nicht in erster Linie, dieses Gesetz zu erfüllen. Sondern wir suchen mehr Spender", sagt Billinger. "Und die Menschen werden eher bereit zum Spenden bereit sein, wenn neue Wege in Sicht sind." Krankenhäuser, Ärzte und Politik müssten hier einen Beitrag leisten und offene Gespräche suchen.

"Die Krankenkasse soll sich unterstehen, mich anzuschreiben"

Bei anderen Krankenkassen war der Versand oftmals ohnehin erst zu einem späteren Termin geplant. "Wenn wir jetzt nicht weiter aufklären, ist das ein falsches Signal", sagt Tanja Koch, Sprecherin der NRW-Barmer. Sie beobachtet zwar eine große Verunsicherung, aber ebenso die Bereitschaft, sich zu informieren. Protestler seien bislang Einzelfälle: "Manche sagen, die Krankenkasse soll sich unterstehen, mich anzuschreiben", räumt Koch ein. "Ob wir diese wenigen Kunden von unserer Aktion ausklammern, müssen wir noch klären."

Aufklärung - jetzt erst Recht, lautet das Motto bei der Techniker Krankenkasse. "Entscheidend bleibt, dass die Versicherten frei entscheiden können", sagt Sprecherin Andrea Kleinbreuer. Ob jemand spenden wolle oder nicht oder nur bestimmte Organe, sei eine höchst persönliche Frage. "Daher ist es wichtig, dass wir niemanden drängen, aber informieren. Denn Organspende kann Leben retten", betont Kleinbreuer.

Skandal rührt aus hoher Bedürftigkeit

Auch die SBK wird niemandem einen Organspende-Ausweis vorenthalten. Im Internet und den Geschäftsstellen können sich die eine Million Kunden jederzeit informieren. "Wir haben aber den Eindruck, dass sich eine Aktion im nächsten Jahr mehr lohnen wird", erklärt Franz Billinger.

Warum Hintergrundinformationen gerade jetzt so wichtig sind, erklärt Betriebskrankenkassen-Sprecherin Monika Hille. "Letztlich rührt ja sogar der Skandal aus einer hohen Bedürftigkeit." Auch bei der BKK steht das Thema nicht erst seit gestern auf der Tagesordnung. "Aber gerade jetzt sollten wir die Spendenbereitschaft fördern. Allein schon damit niemand mehr illegale Wege beschreiten muss."

 
 

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