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Dysmorphophobie – die rätselhafte Angst, hässlich zu sein

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istock_85491865_large~4439c33a-e018-483d-8444-89a4a4163d9b.jpg Foto: iStock
Dysmorphophobie – gut eine Million Menschen in Deutschland leiden unter der rätselhaften Störung. Sie haben Angst vorm Hässlichsein.

Berlin. 

Einen schlechten Tag hat jeder mal, niemand ist mit seinem Aussehen immer komplett zufrieden. Doch für manche Menschen wird das eigene Spiegelbild zum schlimmen Feind: Sie leiden unter der sogenannten Körperdysmorphen Störung (KDS), die auch als Dysmorphophobie bezeichnet wird und keineswegs ein originär weibliches Problem darstellt: Immerhin sind etwa 40 Prozent der Betroffenen männlich.

Oft beginnt die Krankheit schleichend: Da gibt es Körperstellen, die einem nicht gefallen, über die vielleicht schon einmal jemand gespöttelt hat, also behält man sie im Auge. Schaut sie immer wieder zwischendurch im Spiegel an. Schaut sie immer länger im Spiegel an. Beginnt, darüber nachzudenken, was man gegen diese Makel tun könnte, was andere wohl davon halten – bis die Gedanken immer häufiger um die vermeintlichen Problemzonen kreisen, und sie einem abstoßend, ekelerregend, beinahe unmenschlich erscheinen. 90 Prozent der Erkrankten nehmen ihr Aussehen verzerrt wahr, sie sehen also tatsächlich etwas anderes als gesunde Menschen.

Sagen Freunde „du siehst doch ganz normal aus“, wird das als höfliche Zurückhaltung interpretiert, sagen sie jedoch scherzhaft, womöglich genervt von der ständigen Thematisierung optischer Banalitäten, „du hast Recht, du solltest was dagegen machen“, ist man sicher, dass der Tonfall nur die bittere Wahrheit kaschieren soll. „Die Betroffenen beschäftigen sich jeden Tag intensiv mit ihrem Aussehen“, sagt der Bonner Psychotherapeut Stefan Brunhoeber, der sich auf Körperdysmorphe Störungen spezialisiert hat. „Manche tun das eine Stunde lang, andere fünf bis sechs Stunden, einige den ganzen Tag über.“ Dabei werden die Gedanken als extrem belastend, oft sogar als unkontrollierbar empfunden.

Alles kann stören

Körperregionen, die bei der KDS im Mittelpunkt stehen, liegen häufig im Gesicht oder am Kopf – die Patienten stören sich an Hautunreinheiten, ihren Haaren, der Form oder Größe der Nase, an Narben und Asymmetrien. „Manchmal stehen die Körpergröße oder einzelne Muskelpartien im Mittelpunkt“, heißt es auf der Internetseite der Spezialambulanz für Körperdysmorphe Störungen an der Universität Münster, „es können aber auch alle anderen Körperregionen betroffen sein“.

Bei einem Drittel der Patienten begleiten Essstörungen die KDS, teilweise auch in Form eines zwanghaft gesunden Essverhaltens oder bestimmter Diäten mit dem Ziel des Muskelwachstums. Viele Betroffene entwickeln außerdem im Verlauf der Krankheit Depressionen oder Angststörungen.

Wie verhalten sich Menschen mit KDS?

Die Krankheit gehört zu den sogenannten Zwangsspektrumsstörungen: Betroffene entwickeln also zwanghafte Verhaltensweisen, um ihr Aussehen zu kontrollieren: Sie schauen ständig in den Spiegel, betasten immer wieder die vermeintlichen Makel, fotografieren sich, verbringen Stunden damit, sich zurecht zu machen oder Outfits auszuwählen. Ihre „Problemzonen“ kaschieren oder verstecken sie mithilfe von weiter Kleidung, Hüten, Sonnenbrillen oder Make-up. „Ich habe Patientinnen kennengelernt, die mehrere Jahre mit ihrem Partner zusammen sind und sich ihm noch nie ungeschminkt gezeigt haben“, sagt Brunhoeber.

Neben der Beschäftigung mit dem Aussehen suchen Betroffene in der Familie oder im engen Freundeskreis ständig nach der Bestätigung, nicht hässlich zu sein – fühlen sich dadurch aber nur kurzzeitig besser. Einige versuchen auch, den Blick in den Spiegel komplett zu vermeiden und Menschen aus dem Weg zu gehen, weil sie ständig das Gefühl haben, man thematisiere ihre vermeintliche Hässlichkeit.

Andere Aktivitäten rücken zugunsten der Beschäftigung mit dem Äußeren in den Hintergrund oder werden komplett aufgegeben, sodass das Aussehen oftmals als letzte Identifikationsmöglichkeit zurückbleibt. Doch gerade die vermehrte Beschäftigung mit dem eigenen Äußeren trage auf diese Weise maßgebend dazu bei, dass die Betroffenen immer sensibler und verletzlicher werden und sich so die Krankheit verschlimmert, wie Brunhoeber an einem Beispiel illustriert: „Stellen Sie sich vor, zwei Männer besitzen das gleiche Auto; der eine verbringt täglich viele Stunden damit, das Auto zu polieren, zu waschen, an ihm herumzuschrauben, der andere fährt alle paar Wochen mal damit in die Waschanlage – für wen ist es wohl schlimmer, wenn das Auto einen Kratzer bekommt?“

Wie entsteht KDS?

Bei über 85 Prozent der Betroffenen entsteht die KDS in der Pubertät – und damit in einer Phase, in der es eigentlich normal ist, sich etwas stärker mit dem äußeren Erscheinungsbild zu beschäftigen. Die KDS-Patienten jedoch entwickeln in dieser Zeit eine krankhafte Fixierung. Die allermeisten, so Brunhoeber, kämen aus einem überbehütenden und/oder konfliktvermeidenden Elternhaus und erlebten in der Pubertät erstmals starke Überforderung. Um Gleichaltrigen keine Angriffsfläche zu bieten, richten sie ihre Bemühungen auf ein perfektes Aussehen, von dem sie sich auch Sicherheit und Schutz vor Hänseleien versprechen.

Ohne adäquate psychotherapeutische oder medikamentöse Behandlung verlaufe eine KDS in der Regel chronisch, so die Experten der Uni Münster. Doch da die Betroffenen fest davon überzeugt sind, der festgestellte Makel sei tatsächlich abstoßend, kommen sie meist gar nicht auf die Idee, es könne sich um ein psychisches Problem handeln und suchen die Hilfe am falschen Ort: bei Dermatologen, plastischen Chirurgen oder Kieferorthopäden.

Wie kann Patienten geholfen werden?

Obwohl Experten davon ausgehen, dass in Deutschland etwa eine Million Menschen unter der KDS leiden, sei sie in Fachkreisen eine nach wie vor wenig bekannte Störung, so Brunhoeber. Umso wichtiger, die Sensibilität für das Krankheitsbild zu erhöhen und darüber aufzuklären, damit Betroffene die Chance haben, sich darin wiederzuerkennen und Angehörige das Verhalten der Patienten einordnen und einen Besuch beim Therapeuten anregen können.

In der Verhaltenstherapie geht es dann meist darum, bestimmte soziale Kompetenzen und den Umgang mit Emotionen ganz neu zu erlernen. Außerdem arbeiten Therapeuten mit den Patienten daran, dass diese ihre Maßnahmen zum Kaschieren und Verstecken langsam abbauen, um zu erfahren, dass sie dennoch positive Rückmeldungen von anderen Menschen bekommen. Auch Übungen zur Verbesserung der Körperwahrnehmung gehören zur Therapie. In einigen Fällen werden zudem bestimmte Antidepressiva, die sogenannten Serotonin-Wiederaufnahmehemmer eingesetzt, um den Betroffenen überhaupt erst einen Ausweg aus den belastenden, sich verselbstständigenden Gedanken zu ermöglichen.