Die neuen Kinderkrankheiten sind teuer

Aufmerksamkeitsdefizitstörungen (ADHS), Neurodermitis und Sprachentwicklungsstörungen sind die neuen Kinderkrankheiten. Manch teure und nebenwirkungsträchtige Therapie müsste allerdings nicht verordnet worden, meint die Barmer GEK in ihrem neuesten Bericht.

Berlin/Essen.. Scharlach, Windpocken und Ringröteln waren gestern. Heute sind neue Krankheitsbilder bei Kindern auf dem Vormarsch. Manchmal handelt es sich dabei aber auch um Bagatellen.


1,12 Millionen Kinder haben Sprachentwicklungsstörungen. Was versteht man darunter?

Es gibt viele Formen. Manche Kinder lispeln lediglich. Andere sind nicht in der Lage, Sätze zu bilden oder zu verstehen. Manche können die Worte nicht richtig bilden.


Vor allem Vier- und Fünfjährige scheinen sprachgestört und bekommen eine logopädische Behandlung. Warum?

Die Autoren des Arztreports vermuten, dass Eltern vor der Einschulung ihres Kindes besonders penibel auf dessen Entwicklung achten. Im Zweifelsfall gehen sie dann noch rasch zum Arzt – aus Sorge, das Kind könnte später in der Schule nicht mitkommen.


Sollte man die Kinder nicht schon früher auf eine Sprachstörung testen und zum Logopäden schicken?

Das jedenfalls wünscht sich der Deutsche Bundesverband für Logopädie. Thomas Fischbach vom nordrheinischen Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte sieht das differenzierter. Bei schweren Sprach- oder Grammatikstörungen rät er zum Logopäden. Nicht aber, wenn ein Kind mit drei Jahren lediglich lispelt.

Eine Sprachheilkunde schließt er auch für Heranwachsende mit Migrationshintergrund aus, die lediglich kein oder nicht richtig Deutsch könnten. „Es kann nicht sein, dass dann zu Lasten der Kassen ein Heilmittel verordnet wird“, sagt Fischbach. Zumal es um große Summen geht: 2011 etwa hat allein die Barmer GEK 70 Millionen Euro für Logopädie ausgegeben.


Wer geht zu früh, wer zu spät zum Arzt?

„Das Bildungsbürgertum ist eher übervorsichtig“, sagt Fischbach. Sozial benachteiligte Kinder kämen hingegen oft zu spät zum Logopäden.


Wie sehen die Zahlen für die neuen Kinderkrankheiten speziell für NRW aus?

An Rhein und Ruhr haben 11,82 Prozent der Jungen und Mädchen eine Sprachstörung. Im Ländervergleich schneidet NRW damit am schlechtesten ab, aber nur minimal. Der Bundesschnitt beträgt 11,21 Prozent. Spitzenreiter ist Bremen mit 8,9 Prozent. Zudem leiden 9,9 Prozent der NRW-Kinder an Neurodermitis.


Viele Heranwachsende leiden unter der Aufmerksamkeitsdefizitstörung ADHS. Sind es mehr geworden?

Zehn Prozent der neunjährigen Jungen und sechs Prozent der gleichaltrigen Mädchen gehen zum Neurologen oder Psychiater. In 60 bzw. 40 Prozent der Fälle haben sie eine ADHS-Diagnose, berichtet der Report. Oftmals erhalten die Kinder dann Ritalin. Das Medikament werde immer routinemäßiger verschrieben, bemängeln viele Kinderärzte.

Doch Ritalin, das den Wirkstoff Methylphenidat enthält, kann ADHS nicht heilen. Es lindert nur die Symptome.


Wann soll Ritalin verschrieben werden?

Das Medikament sollte nur dann verabreicht werden, wenn die Diagnose ganz klar gesichert ist. Und dann möglichst nur über einen kurzen Zeitraum. Experten sprechen von einer hohen Fehldiagnosen-Quote. US-Forscher Todd Elder von der Michigan State University in East Lansing hält jede fünfte ADHS-Diagnose für falsch.

Allein in den USA wären demnach eine Million Kinder und Jugendliche zu Unrecht zu Kranken abgestempelt worden. Warum das so ist? US-Experten sprechen von einer Mode-Krankheit. In Deutschland geht man davon aus, dass sich in jeder Klasse rein statistisch ein angebliches ADHS-Kind befindet.


Wie wirkt Ritalin?

Ritalin führt zu Veränderungen im Hirnstoffwechsel. Egal, wie die wirkliche Lage ist – das Kind ist meist guter Laune. Doch das Medikament unterdrückt die realen Gefühle nur. Den Eltern und Lehrern ist die Wirkung häufig nicht bekannt. Sie erleben ein gehorsameres und angepassteres Kind und werten dies als Erfolg.

Mediziner warnen allerdings vor dem unnötigen Gebrauch. In vielen Studien wurde nachgewiesen, dass Ritalin gravierende Fehlfunktionen im kindlichen Gehirn verursachen kann. US-Wissenschaftler haben beobachtet, dass das Wachstum des Gehirns gehemmt wird. Auch das gesamte Wachstum des Kindes kann verzögert werden, weil das Medikament den Ablauf der Wachstumshormone stört, die die Hirnanhangsdrüse ausschüttet. Schwere psychische Störungen wurden auch nach Absetzen des Medikamentes festgestellt.

 
 

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