Die meisten Depressionen sind heilbar

Das Gefühl innerer Leere - Depressionen schaden der Lebensqualität erheblich, können aber in den meisten Fällen geheilt werden.
Das Gefühl innerer Leere - Depressionen schaden der Lebensqualität erheblich, können aber in den meisten Fällen geheilt werden.
Foto: Knut Vahlensieck
Die Ursachen für Depressionen sind vielfältig und nicht immer eindeutig zu erkennen. Doch dem Großteil der Leidenden kann heutzutage geholfen werden. Etwas mehr Sensibilität bei anhaltenden negativen Gefühlen und ein Besuch beim Arzt können helfen, die Krankheit frühzeitig zu erkennen und zu behandeln.

Leipzig/München/Münster. Nichts macht mehr Spaß, weder Freude noch Ärger erfüllen das Herz - nur noch tiefe Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Rund vier Millionen Deutsche leiden unter einer klinischen Depression, berichtet Ulrich Hegerl, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Leipzig und Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. "Durch bessere Aufklärung und Diagnose erhalten aber immer mehr Betroffene eine professionelle Behandlung."

Die früher so genannte "Gemütskrankheit" habe nur selten eine einzige Ursache. Erbliche Veranlagung und Persönlichkeit spielten eine Rolle, aber auch psychische Belastungen wie der Tod eines geliebten Menschen oder Konflikte in Familie oder Partnerschaft. Ebenso könnten körperliche Erkrankungen, etwa der Schilddrüse, eine Depression auslösen oder auch soziale Faktoren wie beispielsweise der Verlust des Arbeitsplatzes, ein Umzug oder eine Beförderung.

Mittelschwere Depressionen sind unscheinbar, aber gefährlich

All diese Dinge verändern den Stoffwechsel im Gehirn, erläutert Hegerl: "Die Botenstoffe Serotonin und Noradrenalin sind aus dem Gleichgewicht, so dass die Übertragung zwischen den Nervenzellen im Gehirn gestört wird. Die Folge: Schlafstörungen, Grübeln, Appetitlosigkeit, Niedergeschlagenheit, Kopfschmerzen, Depressionen." Die Betroffenen fühlen sich "innerlich leer", können sich zu nichts aufraffen, können sich nicht mehr konzentrieren und ziehen sich nach und nach von anderen zurück. "Behandelt werden dann häufig nur die körperlichen Beschwerden - und nicht die Depression", berichtet Markus Pawelzik, leitender Arzt der EOS-Klinik für Psychotherapie in Münster. Deshalb seien Depressive auch besonders gefährdet, alkoholabhängig zu werden - wenn sie Heil und Trost im Trinken suchen.

Spektrum depressiver Erkrankungen ist groß

Das Spektrum depressiver Erkrankungen ist breit. Gerade leichte, aber auch mittelschwere Depressionen würden oft nicht erkannt, sagt Pawelzik. "Viele halten das für ein vorübergehendes Stimmungstief, das jeder mal hat, und versuchen, sich 'zusammenzureißen'." Nach außen könnten die Betroffenen zwar ein unauffälliges Leben führen. Doch es koste sie enorme Anstrengungen und großes Leid, ihr Tagespensum zu schaffen. "Phasen schwerer Depressionen sind von völliger Gefühlsstarre, Hoffnungslosigkeit und Suizidgedanken geprägt - die Patienten sind wie gelähmt", berichtet der Psychiater und Psychotherapeut Hegerl. Wer bei sich eines oder mehrere Anzeichen entdeckt, müsse deshalb nicht an einer Depression leiden. Aber er sollte mit dem Hausarzt darüber sprechen - vor allem, wenn die Probleme länger als zwei Wochen anhalten.

Pharmakologie und Psychotherapie

Denn es lohne sich, einen Arzt zu konsultieren, betont Hegerl: Über 80 Prozent der depressiven Erkrankungen ließen sich erfolgreich behandeln - wenn sie richtig erkannt werden. Den Erfahrungen von Hegerl zufolge sind die Betroffenen jedoch auch beruflich überlastet, haben Stress in der Familie oder noch andere Sorgen. Dann ist die Gefahr groß, die Symptome der von innen kommenden Depression den von außen kommenden Problemen zuzuordnen. Durchhalte-Appelle oder wohlmeinende Ratschläge wie "Mach' doch mal Urlaub" seien naheliegend, aber schädlich, denn sie verstärkten nur die Schuld- und Versagensgefühle. "Die Angehörigen sollten geduldig an der Seite des Erkrankten stehen, ohne ihn unter Druck zu setzen."

Dass sich in den vergangenen Jahren bei der Behandlung von Depressionen viel getan hat, bestätigt auch der Münchner Psychiater und Psychotherapeut Andreas Hütz von der Selbsthilfe-Organisation "HORIZONTE - Verein zur Förderung affektiv Erkrankter". Vor allem sei der "Glaubenskrieg" zwischen Psychotherapeuten und Anhängern einer Behandlung mit Arzneimitteln einem stärkeren "Miteinander" im Dienste der Patienten gewichen: "Heute ist es gut möglich, die Therapieformen miteinander zu kombinieren." Während bei leichten Formen der Depression schon eine Psychotherapie die Patienten wieder in die Lage versetzen kann, ihr Leben zu gestalten, wird bei mittelschweren und schweren Fällen zunächst mit Psychopharmaka, das heißt mit stimmungsverändernden Medikamenten, behandelt. Antidepressiva sind in der Lage, den Stoffwechsel im Gehirn wieder ins Gleichgewicht zu bringen. "Sie machen nicht abhängig", betont auch Hegerl, "und verändern auch nicht die Persönlichkeit." (dapd)

 
 

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