Die künstliche Niere ist ein tausendfacher Lebensretter

Natascha Plankermann
Wenn die Niere ihre Arbeit einstellt, bleibt vielen Patienten nur die Dialyse.
Wenn die Niere ihre Arbeit einstellt, bleibt vielen Patienten nur die Dialyse.
Foto: Getty Images
Nierenversagen war früher ein Todesurteil – bis vor 70 Jahren zum ersten Mal die Blutwäsche außerhalb des Körpers gelang. Heute rettet die Dialyse viele Menschenleben.

Düsseldorf. Die Nieren arbeiten unauffällig als Entgifter unseres Körpers. Versagen die Organe komplett ihren Dienst, wird’s lebensgefährlich. Inzwischen kann das Blut jedoch außerhalb des Körpers mithilfe einer künstlichen Niere gereinigt werden. Rund 83 000 Patienten in Deutschland sind derzeit auf eine so genannte Dialyse angewiesen. Diese Zahlen nennt das Berliner Gesundheitsinstitut IGES. Experten geben einen Überblick über die Entwicklung der Blutwäsche.

Weshalb sind immer mehr Menschen auf eine Blutwäsche angewiesen?

„Die weltweite Zunahme der Zahl der Dialysepatienten hat mehrere Gründe“, sagt Professor Jörg Vienken, Vorstandsmitglied der Europäischen Gesellschaft für Künstliche Organe. „Der erste Grund ist die höhere Lebenswartung der Menschen. Sie führt dazu, dass wir immer häufiger unter Krankheiten, besonders Diabetes Typ 2 und Bluthochdruck, leiden. Zweitens nimmt die ,Zuckerkrankheit‘ durch falsche Ernährung, zu wenig Bewegung und Übergewicht zu – was häufig zum Nierenversagen führt. Circa 40 Prozent der Dialysepatienten haben einen Typ 2-Diabetes.“ Hinzu komme, dass sich die Therapien verbessert hätten und daher weniger Menschen an Nierenversagen sterben. Der Erfolg der Behandlung führt wohl auch dazu, dass mehr Staaten bereit sind, für die Dialyse zu zahlen – und nicht zu knapp. Vienken: „Zurzeit belaufen sich die Kosten pro Patient auf umgerechnet rund 54 000 Euro pro Jahr.“

Was bedeutet das für Betroffene?

Dialysepatienten müssen für ihre Behandlung viel Zeit investieren: Sie fahren mindestens drei Mal pro Woche in die Arztpraxis, die Blutwäsche nimmt meist zwischen vier und fünf Stunden in Anspruch. Professor Werner Kleophas, Facharzt für Innere Medizin und Nephrologie (Nierenheilkunde) im Medizinzentrum DaVita Rhein-Ruhr in Düsseldorf, sagt: „Auch wenn die lange Therapiedauer vielen Patienten lästig erscheint, ist sie ein wichtiger Faktor der Behandlungsqualität, da hierdurch eine schonende Blutwäsche möglich ist.“

Seit wann gibt es Dialysemaschinen?

Die Idee hatte der schottische Chemiker Thomas Graham, der Mitte des 19. Jahrhunderts den Begriff „dialyzer“ definierte. Das erste System, das am Menschen 1923 erprobt wurde, geht auf den deutschen Arzt Georg Haas zurück. Experte Jörg Vienken sagt: „Sie wurde von der medizinischen Fachwelt nicht akzeptiert, daher gab es bis in die 1940er-Jahre keine weiteren Neuerungen.“ Vor 70 Jahren setzte dann der Holländer Willem Kolff seine „Rotierende Trommel“ erfolgreich bei einer Patientin mit akutem Nierenversagen ein. Danach nahm eine rasante Entwicklung ihren Lauf, die Maschinen und ihre Technik wurden immer ausgefeilter. Weltweiter Marktführer für Dialysemaschinen ist heute das deutsche Unternehmen „Fresenius Medical Care“ in Bad Homburg. Ein weiterer deutscher Hersteller ist die B. Braun Melsungen AG.

Wie funktionieren die Maschinen?

Die künstliche Niere sollte dem Original so nahe wie möglich kommen. Werner Kleophas erklärt: „Die Dialysefilter enthalten tausende dünne Röhrchen, deren Wand als Membran ausgebildet ist. Durch sie fließt das Blut. Der Zwischenraum zwischen den Röhrchen wird von einer Spüllösung in entgegengesetzter Richtung zum Blut durchströmt. Die Dialysierflüssigkeit enthält Bestandteile in einer Konzentration, wie sie im Blut gesunder Menschen vorkommt. Die Schadstoffe werden bei dem Vorgang aus dem Dialysator herausgespült.“

Was hat sich im Lauf der Zeit verändert?

„Kolffs Rotierende Trommel war eine Dialysemaschine, die Nebenwirkungen hervorrief, zum Beispiel durch die druckempfindlichen Schlauchmembranen“, sagt Jörg Vienken. Erst mit der Erfindung der kontrollierten Ultrafiltration durch den Schweden Nils Alwall habe man diese Probleme lösen können. Nierenspezialist Kleophas: „Das Prinzip der Dialyse hat sich nicht grundsätzlich verändert. Allerdings hat man heute für die Maschinen, die das Blutkreislaufsystem außerhalb des Körpers regulieren, neue Steuerinstrumente entwickelt. Über Mess-Systeme können die Bedingungen der Dialyse wie zum Beispiel Druck, Temperatur, Ultrafiltration sowie die Fließgeschwindigkeit analysiert werden. Sie lassen sich über die Maschine beeinflussen.“

Wie lange kann man mit einer künstlichen Niere leben?

Statistiken zum Überleben der Dialysepatienten zum Beispiel aus Japan zeigen, dass eine erfolgreiche Therapie über weit mehr als 20 Jahre möglich ist. „Allerdings sind viele Menschen, die in Deutschland mit einer Dialyse beginnen müssen, rund 70 Jahre alt. Das schränkt die Lebenserwartung ein“, sagt Jörg Vienken. Die beste Lösung für die meisten Patienten: Die Transplantation eines funktionierenden Organs. Doch auf der Warteliste für eine Niere stehen in Deutschland rund 8000 Dialysepatienten – ihre Zahl ist damit laut der Deutschen Stiftung für Organtransplantation fast dreimal so hoch wie die der pro Jahr übertragenen Organe.

Warum ist die Niere so wichtig?

Chronisches Nierenversagen ist so tückisch, weil die Betroffenen keine Beschwerden haben, während es sich langsam entwickelt. Professor Stephan Martin, Direktor des Westdeutschen Diabetes- und Gesundheitszentrum, erklärt: „Das Ausmaß der Nierenschwäche wird häufig übersehen. Dabei können bei älteren Menschen mit geringer Muskelmasse schon leicht erhöhte Werte auf eine deutliche Nierenschwäche hinweisen.“ Deshalb müsse der Hausarzt mithilfe von Laboruntersuchungen überprüfen, ob die Nieren ihre Aufgaben erfüllen. Wenn er Probleme feststelle, könne er zum Facharzt, dem Nephrologen, überweisen. Je früher dies geschehe, umso besser, so Werner Kleophas vom Zentrum DaVita Rhein-Ruhr.