Der Ehec-Erreger stammt wohl aus dem Menschen

Der Ehec-Erreger in Deutschland könnte aus dem Menschen stammen, nicht aus Tieren. Zu dieser neuen Erkenntnis sind jetzt Ehec-Forscher gekommen. Damit erhärtet sich die Spur, dass erkrankte Beschäftigte eines Biohofs Ehec verbreitet haben könnten.

Essen/Berlin/Münster. Auf der Suche nach dem gefährlichen Durchfallerreger Ehec sind Forscher einen entscheidenden Schritt vorangekommen. Zwar ist auch drei Wochen nach den ersten Meldungen über eine bundesweite Ehec-Epidemie noch nicht die Quelle ausgemacht. Allerdings verdeutlichen nähere Analysen des Ehec-Bakteriums, dass die Infektionswelle nicht von Tieren ausgelöst worden ist, sondern dass auch Menschen nicht auszuschließen sind.

„Die Infektionsquelle Mensch ist wahrscheinlicher als bei anderen Ehec-Bakterien“, erklärt Prof. Lothar Wieler auf Anfrage von DerWesten. Wieler ist Molekularbiologe an der Freien Universität Berlin und Mitglied im Forschungsverbund FBI-Zoo, der sich besonders mit Ehec-Erregern beschäftigt. Der an der Uniklinik Münster von Prof. Helge Karch – ebenfalls im FBI-Zoo-Forschungsverbund - vor zwei Wochen bestimmte Ehec-Stamm O104:H4 „ist vom Erbgut her mehr an den Menschen angepasst, als an Tiere“, sagt Wieler. Dies hätten die Münsteraner Analysen der Genom-Sequenzen gezeigt.

Das Uniklinikum Münster bestätigte am Freitagmorgen die jüngsten Erkenntnisse: "Der sich jetzt ausbreitende Erreger ist bislang nur beim Menschen nachgewiesen worden", sagt Prof. Helge Karch, Ehec-Forscher am Institut für Hygiene der Uniklinik. Zudem korrigiert Karch erste Einschätzungen, das jetzt zu beobachtenden Bakterium sei eine neue, bisher nicht aufgetretene Mutation: „Bei dem jetzigen Ausbruchsstamm von einer Neuentwicklung zu sprechen, halte ich daher für nicht angemessen“, sagt Karch.

Ehec-Bakterium wird über menschliche Fäkalien verbreitet

Die jüngsten Untersuchungen hätten zudem deutlich gemacht, wie ansteckend das Ehec-Bakterium ist, teilt die Uniklinik Münster mit: "Bereits fest steht, dass der aktuelle Erreger wie ein „klassischer“ Ehec sehr niedrige pH-Werte (2,5 bis 3,5) mindestens zwei Stunden toleriert. Das bedeutet, dass er anders als beispielsweise Salmonellen die normale Säurebarriere des menschlichen Magens überstehen kann und wahrscheinlich schon wenige Keime zur Infektion und zur Erkrankung führen können."

Angesichts des Ausbreitungsmusters der Erkrankungsfälle in Deutschland sei jedoch "nahezu auszuschließen", dass die Infektionen nur von Mensch zu Mensch verbreitet werden, über Schmierinfektion. Dazu Karch: „Es muss davon ausgegangen werden, dass etwa menschliche Fäkalien kontaminiert wurden und Infektionsträger sind". Laut Karch wäre es "nicht das erste Mal bei einem Ehec-Bakterium. Denn es kann, wie viele anderer Krankheitserreger im Darm, über menschliche Fäkalien in die Umwelt eingetragen werden.“

Im Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hatte man die Erkenntnis vor zwei Tagen bereits angedeutet: „Aufgrund der Stammanalyse des Serotyps O104:H4 ist es aus Sicht des BfR wahrscheinlich, dass der Eintrag des Erregers im jetzigen Ausbruchsgeschehen in betroffene Lebensmittel über den Menschen oder vom Menschen über die Umwelt erfolgt sein kann. Der Erreger kann über Lebensmittel verbreitet werden“, hieß es in einer jüngst veröffentlichten Mitteilung.

Ehec-Stamm aus Afrika bekannt

Im Detail erläutert das BfR, ein bestimmtes Gen aus dem jetzt hierzulande aufgetauchten Ehec-Stamm O104:H4 habe „Ähnlichkeit mit einem humanen EAggEC Stamm aus Zentralafrika, dessen Sequenz bekannt ist“.

Damit erhärtet sich der Verdacht, dass erkrankte Mitarbeiter eines Bio-Hofs in Bienenbüttel im Kreis Uelzen bei der Produktion von Sprossen die Ehec-Bakterien in Umlauf gebracht haben oder mit zu den Quellen gehören, die es verbreiten konnten. Wie genau das geschehen sein könnte, ist aber weiterhin unklar. Ehec unter der Lupe

Um der Ehec-Quelle auf die Spur zu kommen, sind aktuell bereits bundesweit über 7000 Proben in 30 staatlichen und mehreren privat betriebenen Labors analysiert worden, erklärte eine Sprecherin im Bundesamt für Verbraucherschutz in Berlin auf Anfrage. Täglich kommen neue Proben hinzu. Ergebnis: „Bisher wurde in keinem Lebensmittel der Stamm 0104:H4 nachgewiesen.“

Auch in NRW sind bis dato alle Ehec-Kontrollen negativ getestet worden; man weiß nach wie vor nicht, wie sich das Bakterium verbreitet hat. 880 Proben wurden bis Donnerstagabend genommen – positiv auf Ehec wurden 0 getestet, heißt es auf der Internetseite vom Landesamt für Umwelt und Verbraucherschutz. Die Kontrollen konzentrieren sich auf Landwirtschaft, Handel und Gastronomie. Der Schwerpunkt richtet sich dabei auch nach Krankheits-Fällen. Besonders viele Kontrollen, auch in Haushalten, gab und gibt es deshalb in den Kreisen Gütersloh, Paderborn und Hamm und in den Städten Bochum und Köln, wo sich Ehec-Fälle häufen.

Kein Ehec-Nachweis auf Sprossen aus Bienenbüttel in NRW

Im NRW-Gesundheitsministerium kann man noch nicht absehen, wie lange die Kontrollen so weitergehen. „Unser Ziel ist, das Bakterium aus der Nahrungskette zu bringen“, sagt ein Sprecher. Bis dahin „wird jede Kraft gebraucht.“ Was den Sprossen-Betrieb in Bienenbüttel angeht, sind die Tests jedenfalls ebenfalls negativ ausgegangen. Das Gemüse, das nach NRW geliefert wurde, war über einen Zwischenhändler in Hamm weiter verbreitet worden. Dort fand sich aber keine Ehec-Spur mehr.

Im Forschungsverbund FBi-Zoo erforscht man unterdessen den O104:H4-Erreger weiter. Um zu erhärten, dass er tatsächlich aus dem Darm des Menschen stammt und nicht, wie bei Ehec-Erregern eigentlich üblich, von Rindern, Schafen oder Ziegen „muss man in Rinderbeständen schauen, ob dieses Bakterium dort nicht doch vorkommt“, erklärt Prof. Lothar Wieler. Auch sei möglich, dass der jetzt grassierende Erreger in jüngster Zeit "die Speziesbarriere überschritten hat und auf Tiere übergegangen ist", heißt es am Uniklinikum Münster.

Für Wieler ist es jetzt „die spannendste Frage, warum sich dieser Erreger so gut im Menschen kolonisiert“. Wenn sich der Verdacht erhärtet, würden sich auch für die Forschung neue Fragen stellen, sagt Wieler: „Dann gibt es vielleicht neue Ansätze für die Suche nach Impfstoffen.“ Die jüngsten Erkenntnisse zum Ehec-Erreger zeigen aber auch, wie wichtig persönliche Hygiene ist.

 
 

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