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Crystal Meth und das Geschäft mit der Zombiedroge

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Foto: Multnomah County Sheriff's Office
Crystal Meth ist auf dem Vormarsch, ein Rauschgift, das nicht nur den Körper zerstört. Zu Besuch bei Mike, einem Dealer. In seiner Zweizimmerwohnung in Duisburg empfängt er seine Kunden. Was die Droge aus Menschen macht, kann man auch am Dealer selbst sehen.

Duisburg. 

Das glitzernde Pulver streut Mike* auf eine silberne Servier-Platte. Mit einer Rasierklinge zerkleinert er die Kristalle. Sorgfältig schiebt er sie zu einer dünnen Linie zusammen. Das Pulver schnieft er durch ein mattes Metallröhrchen. „So, jetzt kann ich loslegen“, sagt er und lässt sich in die knallrote Couch sinken. Mike schaltet sein Handy an. Es ist 13 Uhr. „Zeit, um etwas Geld zu verdienen.“

Der speckige Mann mit der stoppeligen Kurzhaarfrisur ist Drogendealer. Er handelt mit einer der am schnellsten abhängig machenden Designerdrogen: Methamphetamin, genannt „Crystal Meth“ oder „Crystal Speed“, ist ein starkes Aufputschmittel. Vor allem bei jungen Leuten ist es beliebt. Insbesondere Bayern, Thüringen und Sachsen gelten schon länger als Problem-Regionen. Aber ein Trend zeichnet sich auch in Nordrhein-Westfalen ab. Das Landeskriminalamt regis­trierte 2011 rund 8000 Delikte, in denen es um Amphetamin und Methamphetamin ging. Das sind acht Prozent mehr als im Vorjahr.

Am Ende ist Crystal Meth vor allem zerstörerisch

Der 29-Jährige verkauft die Droge seit zwei Jahren. Mike preist sie an, als sei es ein Energydrink: „Sobald du voll drauf bist, platzt du vor Energie und kannst Tage lang wach bleiben und Party machen. Das ist ein geiles Gefühl, das du nur mit Crystal hast.“ Um die Schattenseite zu beleuchten, braucht er keine Worte. Ununterbrochen mahlt er mit dem Kiefer, und die Muskeln in seinem Gesicht zucken beinahe spastisch. Er selber nennt das „Kiefer-Action“ und „Gesichts-Kirmes“. Das klingt noch irgendwie lustig, aber am Ende ist Crystal Meth vor allem zerstörerisch.

Den körperlichen Verfall blendet Mike aus. Seine Gesichtsfarbe ist fahl. Seine Wangenknochen treten hervor. Die Ringe unter seinen Augen sind schwarz. Seine Zähne sind faulig. Er sagt, dass er alles im Griff hat. Aber die Kontrolle hat die Droge. Sie bestimmt sein ganzes Leben. Tagein, tagaus. Die ersten Drogen nahm Mike mit 15. Und vor neun Jahren, als er nach seiner Ausbildung zum Mechatroniker keinen Job fand, machte er sein Hobby zum Beruf. Eine Umschulung brauchte er nicht.

Und der Handel mit den Drogen und der Sucht ist ein gutes Geschäft. Mikes Handy klingelt in einer Tour. Im Stakkato-Ton stellen die Anrufer die immer gleiche Frage: „Hi, kann ich vorbeikommen?“ Mike antwortet meist mit einem kurzen „Ja“ und legt wieder auf. Über Drogen spricht keiner am Telefon. Nicht direkt. Aber in der Wohnung geht es zu wie in einem Taubenschlag, der Dealer fühlt sich in seinen eigenen Wänden sicher. Die unterschiedlichsten Menschen kommen und gehen.

Kevin besorgt sich jeden zweiten Tag neuen Stoff bei Mike: Marihuana, Speed, Ecstasy und ab und zu Crystal Meth. Auf einer kleinen Digitalwaage wiegt Mike die Ware, bevor er sie in Plastikbeutelchen packt. Aber Kevin geht danach nicht. Die beiden Männer spielen Playstation, lachen und unterhalten sich. Auch von dem Crystal, das Mike wie etwas zu Trinken anbietet, nimmt Kevin eine Nase. Man könnte meinen, dass sie Freunde sind. Aber dem ist nicht so. „Mike hat keine Freunde, sondern nur Kunden“, sagt Kevin später.

Jeder Kunde muss 30 Minuten bleiben – zur Tarnung

Wenn Mike mal nicht sofort Zeit hat, dann ist die Wohnung überfüllt. Fünf Leute sitzen auf der Couch in der kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung oder hocken auf dem braunen Teppichboden. Die Anrufer kriegen in solchen Situationen zu hören: „Melde dich in dreißig Minuten noch mal.“

Das ist eine von Mikes Regeln. Jeder muss eine halbe Stunde bleiben, bevor er gehen darf. „Das ist nicht so auffällig“, meint der Dealer, „zu viele Leute im Treppenhaus machen die Nachbarn misstrauisch.“ Dass er glaubt, die anderen Mieter so zu täuschen, sagt viel aus über ihn. Denn: Es machen unzählige Joints die Runde, während die Besucher kommen und gehen. Der penetrante, süßliche Rauch von Marihuana wabert bereits am Nachmittag durch den Hauslur. Aus der Anlage dröhnt ein Lied über kiffende Kakerlaken. Doch Ärger mit der Polizei oder den Nachbarn hatte Mike noch nie.

Drei Kilo Marihuana und 100 Gramm Crystal im Monat

Seit einem Jahr wohnt er in der Kruppschen Mietskaserne in Duisburg, die Klingelschilder weisen mehr als zehn Namen aus. In der Gegend wohnen viele Arbeitslose – keiner kümmert sich um den anderen. Seine eigene Wohnung bezahlt auch das Amt. Mikes Zuverdienst zum Hartz-IV-Regelsatz ist allerdings beachtlich.

Marihuana ist nach wie vor die Droge, die ihm den meisten Umsatz bringt. Für ein Gramm nimmt er sieben Euro, selbst bezahlt er vier. In einem Monat, so behauptet Mike, setzt er drei Kilogramm ab. Das sind sechstausend Euro Gewinn. Von Crystal Meth verkauft er 100 Gramm pro Monat. Aber die Gewinnspanne ist größer. „Die Leute nehmen mir das Gramm für sechzig Euro ab, aber ich bezahle nur zwanzig. Da verdient man sich eine goldene Nase“, sagt Mike stolz. Zwar steht viel teure Elektronik in der Wohnung, aber das meiste Geld gibt er nicht aus. Ein Teil liegt in einem Schuhkarton in einem Eckschrank. Der Rest ist „an einem sicheren Ort“, falls die Polizei ihn hochnimmt.

Um 22 Uhr schaltet Mike das Handy aus. An diesem Abend verkauft er nichts mehr. Aber der Tag ist erst vorbei, wenn ihn das Crystal schlafen lässt. Mike ist allein mit der Droge.

* Name geändert