Cannabis auf Rezept: Hunderte Apotheken beantragen Lizenz

Dietmar Seher
Cannabis auf dem Balkon: Mit einer Sondergenehmigung könnte das bald legal sein.
Cannabis auf dem Balkon: Mit einer Sondergenehmigung könnte das bald legal sein.
Foto: dpa
  • 2017 wird Gesetz erwartet, das Kauf von Cannabis auf Rezept erlauben wird
  • Bestellungen von Cannabis bei Apotheken bereits jetzt stark angestiegen
  • Das geht mit einer Sondergenehmigung, der so genannten Apothekenerlaubnis

Essen. Die Essener Zollfahnder, die für ganz Nordrhein-Westfalen zuständig sind, kennen natürlich diesen süßlichen Geruch. Massenweise haben sie in ihrem Kampf gegen illegale Betäubungsmittel in den letzten Jahren zwischen Siebengebirge und norddeutscher Tiefebene Indoor-Plantagen geräumt und – wie 2015 – rund 3500 Cannabis-Pflanzen beschlagnahmen können. Hubschrauber mit Wärmebildkameras haben dabei geholfen. Denn NRW ist ein Hot Spot. Die Niederlande sind nah. Im Rhein-Ruhr-Raum wohnt viel Kundschaft der Partydroge. Und ernst zu nehmende Warnungen werden nicht leiser, dass der Rausch durch illegale niedrigschwelligere Drogen auch wegen neuer Mischungsverhältnisse gefährlich ist.

Doch bald kann der süße Duft auch aus der nächsten Apotheke herüberwehen. Die Bundesregierung öffnet den Drogenkonsum - zur Heilung und zur Schmerzlinderung für Patienten, die an schweren Krankheiten leiden. Schon im Vorgriff auf das für 2017 erwartete Inkrafttreten des Gesetzes, das den Kauf auf ärztliches Rezept hin erlauben wird, sind die Bestellungen von Cannabis bei Apotheken an Rhein und Ruhr stark angestiegen. Das geht mit einer Sondergenehmigung, der so genannten Apothekenerlaubnis. Sie wird in fast allen Fällen innerhalb eines Zeitraums bis zu drei Monaten gegeben, meist für getrocknete Blüten oder Extrakte.

Bayern bei den Apothekenerlaubnissen an der Spitze

Ganze drei dieser Genehmigungen gab es für NRW im Jahr 2011. 2014 waren es schon 23, 33 ein Jahr darauf. Jetzt sind, von Januar bis August in diesem Jahr, bereits 39 erteilt worden. Dabei ist das bevölkerungsstärkste Bundesland bundesweit nicht einmal an der Spitze der legalen Cannabis-Nutzung. Dort liegt, sicher zur Überraschung vieler, der Freistaat Bayern mit über 50 Apothekenerlaubnissen. 167 gab es dort seit 2011, in NRW insgesamt 125. Die Zahlen hat jetzt die Bundesregierung genannt. Bundesweit nutzen die Möglichkeit der legalen Beschaffung heute ungefähr 900 Personen.

Die Daten drücken den grundsätzlichen Wandel aus: Cannabis wird als Rauschmittel verboten bleiben, aber Deutschland wird Ländern wie den Niederlanden, Kanada und Israel folgen Dort dürfen Bürger die medizinische Wirkung der Pflanze seit Langem nutzen.

Das Bundesgesundheitsministerium verhandelt derzeit mit Behörden in diesen Staaten über Importmöglichkeiten nach Deutschland. Darüber hinaus wird wohl – streng überwacht - auch der Anbau in Privathaushalten erlaubt, wenn der Inhaber dafür eine Genehmigung hat.

Gerichte treiben die Politik

Die Politik ist dabei von den Gerichten getrieben worden. Auf die Klage des Rechtsanwalts Michael Fischer hin entschied das Bundesverwaltungsgericht vor wenigen Monaten, dass das Kölner Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte dem an Multipler Sklerose erkrankten Juristen die Ausnahmegenehmigung zum Cannabis-Eigenanbau erteilen muss. Einer der Gründe: Krankenkassen erstatten die recht hohen Kosten für die Pflanze nicht.

Dabei haben die Richter festgeklopft, wie weit Cannabis künftig als legal gilt. Die Bekämpfung einer Krankheit sei ein viel höheres Rechtsgut als ein „Recht auf Rausch“, stellten sie fest. Schon die „Verbesserung der subjektiven Befindlichkeit“ stelle eine Linderung dar, die im öffentlichen Interesse gefördert werden müsse.128 Antragsteller haben sich nach diesem Urteil gemeldet, die eine eigene Plantage zur Selbstversorgung anlegen wollen.

Noch ist offen, in welchen Fällen Cannabis nach der Gesetzesänderung als Heil- und Schmerzmittel überhaupt eingesetzt werden darf. Dem Bundestag liegt eine Liste von 60 Krankheiten vor. Realistisch ist, die 13 klinischen Prüfvorhaben zur Grundlage zu machen, die derzeit erteilt sind. Danach könnte Cannabis unter anderem zur Linderung bei chronischen Tumorschmerzen oder bestimmten psychischen Erkrankungen genutzt werden.