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Bochumer Zentrum therapiert Zahnbehandlungsphobie

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Serie: Angst in Herne Foto: Arne Poll
Es ist kein Geheimnis, dass das Geräusch des Zahnarztbohrers in manchen Menschen panische Angst hervorruft, so dass sich die Patienten bis zu mehreren Jahren von den Zahnarztpraxen fernhalten. Am Bochumer Therapiezentrum für Zahnbehandlungsangst werden solche Phobien behandelt.

Bochum. 

Schon wenn sie an das fiese Quietschen des Zahnarztbohrers nur denken, bricht bei Andre Wannemüllers Patienten die Panik aus. Manche zitterten, andere schwitzten oder litten unter plötzlichem Harndrang, berichtet der Therapeut.

Am Bochumer Therapiezentrum für Zahnbehandlungsangst versucht er, seinen Patienten diese Panikattacken zu nehmen – mit Erfolg, wie er sagt. Etwa 80 Prozent der Patienten trauten sich nach Abschluss der Kurztherapie wieder zum Arzt. Warum die Behandlung bei einigen anschlägt, bei anderen aber nicht, versucht ein Forscherteam derzeit herauszufinden.

Neben dem Therapiezentrum selbst beteiligen sich auch das Forschungs- und Behandlungszentrum für psychische Gesundheit der Ruhr-Universität Bochum, die Technische Universität Braunschweig und das King’s College in London an der Studie. Sie wollen zusammen herausfinden, inwieweit die genetische Veranlagung bestimmt, wie erfolgreich Therapien bei Phobien sind. Die Behandlung der Zahnarztphobien eigne sich für die Untersuchung besonders gut, weil sie so schnell gehe, sagt Tobias Teismann, der für die Universität Bochum an der Studie beteiligt ist. Zu nur fünf Sitzungen laden die Therapeuten ihre Patienten ein, danach sollen sie in der Lage sein, sich dem Zahnarztbesuch zu stellen.

Durchschnittlich zehn Jahre lang keinen Zahnarzt gesehen

Wenn sie zu ihm kämen, sei der Leidensdruck seiner Patienten schon extrem hoch, sagt Wannemüller. „Sie sind dann durchschnittlich zehn Jahre nicht mehr beim Zahnarzt gewesen“, berichtet der Therapeut. Und meist litten sie inzwischen unter so großen Zahnproblemen, dass sich der Arztbesuch nicht mehr länger aufschieben lasse.

Wannemüller konfrontiert sie dann mit der anstehenden Situation, zeigt ihnen Videos von Zahnbehandlungen und spielt kreischende Bohrgeräusche ab, um ihnen dann zu zeigen, wie sie die Situation meistern können. Etwa durch Atem- und Entspannungsübungen oder auch einfach dadurch, dass sie sich an weniger schmerzhafte Begegnungen mit ihrem Zahnarzt erinnern.

Außerdem sollten sie sich daran erinnern, dass der Zahnarzt ein Profi ist und weiß, was er tut. Denn das Problem sei oft, dass sich in den Köpfen der Patienten wahre Katastrophenszenarien abspielten, sagt Wannemüller. „Sie denken zum Beispiel: ‚Der wird mit dem Bohrer abrutschen, wie beim letzten Mal‘.“ Wahrscheinlichkeiten würden in diesen Panikanfällen meist völlig falsch eingeschätzt.

Zahnärzte vergraulen unbeabsichtigt die Patienten 

Zum Teil seien aber auch die Zahnärzte oder ihre Mitarbeiter Schuld an der aufkommenden Panik, moniert der Therapeut. „Sie sagen den Patienten zum Beispiel: ‚Da waren Sie aber lange nicht mehr bei uns‘.“ Wer ohnehin schon lieber einen Bogen um den Arzt mache, fühle sich durch solche Begrüßungen nicht besser. Hinzukomme, dass sich viele ohnehin schon schämten, nach Jahren ohne Zahnarztbesuch den Mund zu öffnen und jemanden hineinschauen zu lassen.

Wannemüller selbst lässt der Zahnarztbesuch übrigens völlig kalt. „Ich bin aber nicht von Haus aus immun“, betont er. Er habe solch schreckliche Erlebnisse, wie sie seine Patienten schilderten, einfach noch nicht selbst gehabt. „Und Angst entwickelt sich aus Erfahrung.“ (dapd)